Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)
Schwester auch noch vollends verschmähen, ohne den kleinsten Gewissensbiss, während dein toter Tölpel von Vater dir einen ganzen Piratenschatz von Reichtümern vererbt – wo er doch selbst mindestens so blind war wie du, wenn es um die Leiden und Entsagungen anderer ging.«
»Nimm Rücksicht, Hanneke«, warnte Alma, die gegen eine Flutwelle der Trauer kämpfte. »Du hast mir einen großen Schock versetzt, und nun greifst du mich an, während ich noch wie vor den Kopf gestoßen bin. Ich muss dich wirklich bitten: Nimm heute Rücksicht auf mich, Hanneke.«
»Aber es haben doch alle stets so viel Rücksicht auf dich genommen, Alma«, erwiderte die alte Hauswirtschafterin ohne einen Anflug von Erbarmen. »Vielleicht nimmt man ja schon viel zu lange Rücksicht auf dich.«
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Erschüttert flüchtete sich Alma in ihr Studierzimmer in der Remise. Sie sank auf den verschlissenen Diwan in der Ecke, weil ihre Füße nicht bereit schienen, ihr Gewicht noch länger zu tragen. Ihr Atem ging rasch und flach. Sie erschien sich selbst wie eine Fremde. Ihre innere Kompassnadel, die sich immer an den einleuchtendsten Wahrheiten ihrer Welt ausgerichtet hatte, trudelte wild und suchte nach einem sicheren Punkt, an den sie sich halten konnte, wurde aber nicht fündig.
Ihre Mutter war tot. Ihr Vater war tot. Ihr Mann – ganz gleich, was er sonst noch gewesen oder nicht gewesen war – war ebenfalls tot. Ihre Schwester Prudence hatte sich um Almas willen das Leben ruiniert, ohne dass irgendjemand einen Nutzen daraus gezogen hätte. George Hawkes war eine Jammergestalt. Retta Snow ein zerstörter und zerrupfter kleiner Unglücksrabe. Und nun sah es auch noch ganz danach aus, als hätte Hanneke de Groot – der letzte lebende Mensch, den Alma liebte und bewunderte – keinen Funken Hochachtung vor ihr. Noch dazu mit vollem Recht.
Allein in ihrem Studierzimmer zwang sich Alma schließlich zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme ihres eigenen Lebens. Sie war eine einundfünfzigjährige Frau, gesund an Leib und Seele, stark wie ein Pferd, gebildet wie ein Jesuitenmönch und so reich wie der reichste Adlige im ganzen Land. Zugegeben, schön war sie nicht, doch sie besaß noch fast all ihre Zähne und wurde auch sonst von keinem einzigen körperlichen Leiden oder Zipperlein geplagt. Worüber hätte sie sich je beklagen sollen? Von Geburt an war sie von allen erdenklichen Annehmlichkeiten umgeben gewesen. Sicher, sie hatte keinen Mann, doch dafür hatte sie auch keine Kinder oder Eltern, für die sie sorgen musste. Sie war tüchtig, intelligent, gewissenhaft und – das hatte sie immer von sich geglaubt, obwohl sie sich dessen augenblicklich nicht mehr gar so sicher war – mutig. Ihre Vorstellungskraft war mit den gewagtesten wissenschaftlichen Ideen und Erfindungen konfrontiert worden, die das Jahrhundert zu bieten hatte, und sie hatte an ihrer Tafel einige der größten Geister ihrer Zeit empfangen. Sie besaß eine Bibliothek, angesichts derer jeder Medici in Tränen der Sehnsucht ausgebrochen wäre, und sie hatte diese ganze Bibliothek mehrfach durchgelesen.
Doch was hatte Alma mit all ihrer Bildung und all ihren Privilegien aus ihrem Leben gemacht? Sie war die Autorin zweier unbedeutender Werke zur Bryologie – Bücher, auf die die Welt nicht eben hufescharrend gewartet hatte – und arbeitete gegenwärtig an einem dritten. Nicht einen einzigen Augenblick ihrer Zeit hatte sie dem Wohle anderer geopfert, abgesehen von ihrem selbstsüchtigen Vater. Sie war Jungfrau, Witwe, Waise, Erbin und alte Frau, und sie war die größte Närrin von allen.
Sie hatte immer geglaubt, so viel zu wissen, dabei wusste sie gar nichts.
Sie wusste nichts über ihre Schwester.
Sie wusste nicht, wie man Opfer brachte.
Sie wusste nichts über den Mann, den sie geheiratet hatte.
Sie wusste nichts über die unsichtbaren Mächte, die ihr Leben lenkten.
Sie hatte sich stets als würdevolle, weltgewandte Dame betrachtet, doch im Grunde war sie nur eine verdrossene, alternde, inzwischen alles andere als taufrische Prinzessin, die nie etwas Wertvolles aufs Spiel gesetzt hatte und nie weiter aus Philadelphia hinausgekommen war als bis zu einer Irrenanstalt in Trenton, New Jersey.
Es hätte unerträglich sein müssen, sich dieser trostlosen Inventur zu stellen, doch aus irgendeinem Grund war dem nicht so. Kurioserweise verhielt es sich gerade umgekehrt: Es war eine Erleichterung. Almas Atem ging ruhiger. Ihre Kompassnadel kam zum Stillstand. Sie saß einfach
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