Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)
wollte er sich für eine Nacht ihre Gunst erkaufen. So war das immer, selbst als sie noch ein Kind war. Bei ihrer Mutter war es ebenso, doch ihre Mutter war schwach, sie hat sich tatsächlich verkauft. Prudence aber war ein sittsames und gutes Mädchen. Was glaubst du, warum deine Schwester bei Tisch nie ein Wort gesagt hat? Weil sie zu dumm war, um eine eigene Meinung zu haben? Was glaubst du, warum sie ihre Miene immer so ganz und gar ausdruckslos hielt? Weil sie nichts empfunden hat? Nein, Alma, Prudence wollte immer nur eines: nicht gesehen werden. Du kannst nicht ermessen, wie es ist, sein Leben lang von Männern angeglotzt zu werden, als stünde man auf dem Versteigerungspodest.«
Das konnte Alma nun nicht bestreiten. Wie sich das anfühlte, wusste sie wahrhaftig nicht.
Hanneke fuhr fort: »George Hawkes war der einzige Mann, der deine Schwester jemals freundlich angesehen hat – nicht wie einen Gegenstand, sondern wie eine Seele. Du kennst Mr Hawkes sehr gut, Alma. Kannst du nicht begreifen, dass sich eine junge Frau bei einem solchen Mann sicher fühlt?«
Das konnte sie allerdings. Auch sie, Alma, hatte sich bei George Hawkes stets sicher gefühlt. Sicher und wahrgenommen.
»Und hast du dich nie gefragt, Alma, weshalb Mr Hawkes unablässig hier auf White Acre war? Glaubst du, er kam so häufig, um deinen Vater zu sehen?« Hanneke besaß den Anstand, nicht hinzuzufügen: »Glaubst du, er kam so häufig, um dich zu sehen?«, dennoch hing der Satz unausgesprochen in der Luft. »Er hat deine Schwester geliebt, Alma. Er hat ihr auf seine stille Art den Hof gemacht. Und mehr noch, sie liebte ihn auch.«
»Wie du nicht müde wirst zu versichern«, warf Alma ein. »Es fällt mir schwer, das zu hören, Hanneke. Weißt du, ich habe George Hawkes einst selbst geliebt.«
»Ja, glaubst du denn, das weiß ich nicht?«, rief Hanneke aus. »Natürlich hast du ihn geliebt, Kind, denn er war zuvorkommend zu dir! Und du warst unschuldig genug, deiner Schwester diese Liebe anzuvertrauen. Glaubst du, eine so prinzipientreue junge Frau wie Prudence hätte George Hawkes noch geheiratet, nachdem sie wusste, was du für ihn empfindest? Glaubst du, das hätte sie dir angetan?«
»Sie wollten heiraten?«, fragte Alma fassungslos.
»Selbstverständlich wollten sie heiraten! Sie waren jung und liebten einander! Aber sie wollte dir das nicht antun, Alma. Kurz vor dem Tod eurer Mutter hat George um ihre Hand angehalten. Sie hat ihn abgelehnt. Er hielt noch einmal um sie an. Sie lehnte erneut ab. Er hat es noch etliche weitere Male versucht. Sie hat ihm die Gründe für ihre Ablehnung nie offenbart, weil sie dich schützen wollte. Und als er immer wieder vorsprach, da hat sie sich schließlich Arthur Dixon an den Hals geworfen, weil er der nächstliegende und einfachste Heiratskandidat war. Sie kannte Dixon gut genug, um gewiss zu sein, dass er ihr zumindest nichts antun würde. Er würde sie nicht schlagen oder sie auf irgendeine Weise demütigen. Sie empfand sogar eine gewisse Achtung für ihn. Als er noch euer Hauslehrer war, hatte er sie mit dem Gedankengut der Abolitionisten bekannt gemacht, und diese Gedanken lasteten schwer auf ihrem Gewissen – das tun sie ja bis heute. Sie brachte Mr Dixon also Respekt entgegen, doch geliebt hat sie ihn nicht, und sie liebt ihn auch heute nicht. Sie musste einfach jemanden heiraten, irgendwen , um sich für George unerreichbar zu machen, und zwar in der Hoffnung, auch das muss ich dir noch sagen, dass er dann dich heiraten würde. Sie wusste, dass George dich als Freundin schätzte, und hoffte, er könnte lernen, dich auch als Frau zu lieben, und dich glücklich machen. Das, Kind, hat deine Schwester Prudence für dich getan. Und du sitzt hier vor mir und willst mir erzählen, du stündest nicht tief in ihrer Schuld.«
Alma brachte lange Zeit kein Wort heraus.
Schließlich sagte sie dümmlich: »Aber George Hawkes hat doch Retta geheiratet.«
»Dann hat es wohl nicht geklappt – was, Alma?«, erwiderte Hanneke streng. »Begreifst du? Deine Schwester hat den Mann, den sie liebte, umsonst geopfert. Er hat dann doch nicht dich geheiratet. Stattdessen hat er genau dasselbe getan wie Prudence: Er hat sich der Nächstbesten an den Hals geworfen, die des Weges kam, um einfach nur irgendwen zu heiraten.«
Und mich hat er gar nicht in Erwägung gezogen, dachte Alma. Zu ihrer Schande war dies ihr allererster Gedanke, noch ehe sie anfing, das Opfer ihrer Schwester in seinem ganzen Ausmaß zu
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