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Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Titel: Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Elizabeth Gilbert
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Kartoffeln, Weizen und Trauben. Die missionseigenen Schweine gediehen prächtig, sonst indessen konnte sich kein Tier mit dem Klima anfreunden.
    Mrs Welles brachte den Bewohnern der Matavai-Bucht Englisch bei und war erfreut über ihre rasche Auffassungsgabe und ihr Talent für Sprachen. Sie lehrte Dutzende Kinder Lesen und Schreiben. Einige der Kinder nahm das Ehepaar Welles sogar zu sich. Vor allem ein kleiner, völlig ungebildeter Junge kam über einen Zeitraum von achtzehn Monaten so weit, dass er imstande war, das Neue Testament vorzulesen, ohne auch nur einmal zu stocken. Doch auch dieser Junge wurde kein Christ. Das wurde keiner von ihnen.
    »Oft fragten mich die Tahitianer: ›Wo ist der Beweis, dass es deinen Gott gibt?‹«, erzählte Reverend Welles. »Sie wollten, dass ich von Wundern berichtete, Schwester Whittaker. Sie wollten Beweise dafür, nicht wahr, dass die Gerechten gesegnet und die Schuldigen bestraft würden. Ein Mann, dem ein Bein fehlte, bat mich, ich möge Gott doch sagen, er solle ihm ein neues Bein wachsen lassen. Ich antwortete ihm: ›Wo soll ich denn ein neues Bein für dich finden, hier oder anderswo?‹ Hahaha! Ich konnte nun einmal keine Wunder wirken, nicht wahr, also hielten sie auch nicht viel von mir. Einmal sah ich einen tahitianischen Jungen am Grab seiner kleinen Schwester stehen und fragen: ›Warum hat Gott Jesus meine Schwester in die Erde gepflanzt?‹ Er wollte, dass ich Gott Jesus befehle, das Kind von den Toten aufzuerwecken – aber ich konnte ja nicht einmal meine eigenen Kinder von den Toten auferwecken, nicht wahr, wie sollte ich da ein solches Wunder wirken? Ich konnte ihnen keinen Gottesbeweis bieten, Schwester Whittaker, bis auf das, was meine liebe Frau, Mrs Welles, meine ›inneren Beweise‹ nennt. Damals wie heute weiß ich nur, was mein Herz als wahr empfindet, nicht wahr – dass ich ohne die Liebe unseres Herrn verloren bin. Das ist das einzige Wunder, das ich beweisen kann, und für mich bleibt es Wunder genug. Für andere ist es womöglich nicht genug. Das kann ich ihnen kaum vorwerfen, denn sie können mir ja nicht ins Herz blicken. Sie können die Dunkelheit nicht sehen, die dort einst geherrscht hat, und sie können auch nicht sehen, was an ihre Stelle getreten ist. Doch bis zum heutigen Tag ist dies das einzige Wunder, das ich zu bieten habe, nicht wahr, und es ist ein sehr bescheidenes Wunder.«
    Alma erfuhr weiter, dass unter den Eingeborenen einige Verwirrung darüber herrschte, was für ein Gott das eigentlich sei, dieser Gott des Engländers, und wo er sich aufhalte. Lange Zeit waren die Bewohner der Matavai-Bucht überzeugt, die Bibel, die Reverend Welles stets bei sich trug, wäre sein Gott. »Sie fanden es höchst befremdlich, dass ich meinen Gott einfach so unter den Arm klemmte oder ihn unbewacht auf dem Tisch liegen ließ und ihn manchmal sogar an andere auslieh – meinen Gott! Ich versuchte, ihnen klarzumachen, dass mein Gott überall ist, nicht wahr. Sie fragten: ›Warum können wir Ihn dann nicht sehen?‹ Ich antwortete: ›Weil mein Gott unsichtbar ist‹, und sie fragten weiter: ›Aber weshalb stolperst du dann nicht über deinen Gott?‹ Und ich erwiderte: ›Wahrlich, meine Freunde, das passiert mir zuweilen!‹«
    Von der London Missionary Society kam keinerlei Unterstützung. Fast zehn Jahre lang hörte der Reverend kein Wort aus London: keine Anweisungen, keine Hilfe, keine Ermunterungen. Da nahm er die Religion in eigene Hände. Zum einen fing er an, jeden zu taufen, der getauft werden wollte. Das verstieß aufs Eklatanteste gegen die Vorschriften der London Missionary Society, die darauf beharrte, niemand dürfe die Taufe empfangen, bei dem nicht absolut sichergestellt sei, dass er seinen alten Göttern abgeschworen und sich zum wahren Erlöser bekehrt habe. Die Tahitianer indessen wollten getauft werden, weil es ihnen Spaß machte, wollten jedoch zugleich an ihrem alten Glauben festhalten. Der Reverend gab nach. Er taufte ganze Hundertschaften von Ungläubigen und auch etliche Halb-Gläubige.
    »Wer bin ich denn, einem Menschen die Taufe zu verweigern?«, sagte er zu Almas Verwunderung. »Mrs Welles, das muss ich sagen, missbilligte mein Vorgehen. Sie wies mich darauf hin, dass die London Missionary Society von uns erwarte, alle Anwärter auf das Christentum vor der Taufe einer strengen Glaubensprüfung zu unterziehen – sie den Katechismus rezitieren, sie öffentlich dem Götzendienst abschwören zu lassen und

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