Deathkiss - Suess schmeckt die Rache
wobei sie immer wieder in den Rückspiegel blickte.
Nichts regte sich.
Alles war wie immer.
Wenig später bog sie um eine Kurve, so dass das Gehöft am Waldsee ihren Blicken entzogen war.
Vermutlich hatte sie sich die Gestalt im Spiegel nur eingebildet, dachte Shannon, während der Pick-up weiter über die unbefestigte Straße holperte. Sie hatte sich von der Nervosität des Hundes anstecken lassen. Vielleicht hatte Khan ein Reh oder einen Fuchs gesehen, womöglich sogar einen Puma.
Aber du hast einen Mann gesehen.
Aufrecht. Auf zwei Beinen.
Um sich zu beruhigen, schaltete sie das Radio ein, fand einen Sender mit Rockmusik und sang, während sie auf den Highway auffuhr, einen Springsteen-Song mit, den sie noch aus ihrer Jugendzeit kannte. Sie durfte nicht zulassen, dass ihre lebhafte Phantasie mit ihr durchging. Sie wollte nicht die Gefangene ihrer Angst werden.
Dieses Mal nicht.
Nie wieder.
21.Kapitel
D anis Finger bluteten in den mittlerweile durchlöcherten und schmutzigen Socken. Sie arbeitete hart, zerrte aus Leibeskräften an dem verdammten Nagel, um ihn aus der Bohle zu ziehen. »Komm schon, komm schon«, beschwor sie ihn leise. Sie wusste, dass die Zeit ihr davonlief, und auch ihre Geduld war bald am Ende. Der Spinner konnte sie nicht für immer hier gefangenhalten, das war ihr klar. Sie hatte beobachtet, dass er immer unruhiger, immer gereizter wurde. Häufig stapfte er vor dem Kaminfeuer auf und ab, und er hatte sich angewöhnt, sein Messer auf den Steinen neben der Feuerstelle abzulegen, so, dass die Glut sich in der blanken Klinge spiegelte.
Sie dachte daran, wie er diese Klinge an ihre Wange gepresst, sie damit bedroht hatte, und zitterte innerlich. Nie wieder wollte sie sich in diese Lage bringen. Nie wieder.
Ihre Finger schmerzten, aber sie gab nicht auf. »Komm schon, du blödes Ding!« Sie spürte jetzt, wie der Nagel sich bewegte.
»Komm schon!«
Mit einem letzten Ruck löste sich der Nagel.
Dani wäre beinahe hintenüber gefallen.
Mit klopfendem Herzen betrachtete sie den langen Metallstift, umfing ihn durch die Socke hindurch mit der Hand. Ja! Die Freiheit war in greifbare Nähe gerückt. Sie wäre am liebsten sofort ausgebrochen, wusste aber, dass es Selbstmord gewesen wäre. Wenn er sich schon auf dem Rückweg befand, würde er sie womöglich abfangen. Er war jetzt schon seit einigen Stunden fort, und neuerdings konnte sie nie vorhersagen, wie bald er in die Hütte zurückkehren würde.
So gern sie jetzt gleich in den Wald hinausgelaufen wäre, sie wagte es nicht. Es war noch Tag – sie musste ihre Flucht auf die Nacht verschieben, wenn er aufgebrochen war, um seinen üblen Machenschaften nachzugehen, wie auch immer sie aussehen mochten.
In den letzten paar Tagen hatte sie ihn bei jeder Gelegenheit durch die Türritze beobachtet. Sie wusste, wo er eine Ersatztaschenlampe aufbewahrte. Das Messer nahm er gewöhnlich mit, doch es gab noch weitere Gegenstände, die sie brauchen konnte, zum Beispiel das Feuerzeug, mit dem er jeden Abend den Kamin anzündete. Es würde ihr vielleicht gute Dienste leisten. Und das Bild von ihrer Mutter, verdammt, das würde sie auch mitnehmen.
Viel konnte sie allerdings nicht tragen, denn er hatte ihr vor ein paar Tagen ihren Rucksack weggenommen. Aber sie war immer noch im Besitz der Zigarettenkippe, die sie gut versteckt tief in ihrer Tasche verwahrte. Wenn sie außerdem ein paar Gegenstände aus der Hütte mitnahm, fand die Polizei vielleicht Fingerabdrücke darauf und konnte so das elende Schwein stellen.
Sie konnte es kaum erwarten.
Aber ihre Gedanken eilten zu weit voraus.
Zunächst einmal musste sie den Nagel verstecken, und das ging am besten, indem sie ihn zurück in sein Loch steckte. Sie hatte das Loch in dem alten Holz ausreichend geweitet, um den Nagel jederzeit problemlos wieder herausziehen zu können.
Dani lächelte vor sich hin und betrachtete den langen Metallstift.
Am liebsten hätte sie ihn dem Kerl tief in den Hals gerammt. Oder ihn mit ihren Taekwondo-Künsten in die Knie gezwungen. Oh, wie gern hätte sie ihn fertiggemacht. Andererseits – er unterschätzte sie zwar und wusste nicht, wozu sie fähig war, aber umgekehrt hatte sie auch keine Ahnung von seinen Fähigkeiten. Womöglich hatte er ebenfalls den schwarzen Gürtel. Er war muskulös und durchtrainiert – sie hatte während seines abendlichen Rituals genügend Gelegenheit gehabt, seinen Körper zu betrachten. So abstoßend das Schauspiel auch war, sie hatte
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