Delphi Saemtliche Werke von Karl May Band II (Illustrierte) (German Edition)
geben, als der Kadi die Hand ausstreckte.
»Halt!« sagte er. »Ich bin der Vorgesetzte dieser Beamten der Polizei von Edreneh. Sage selbst, Effendi, ob sie Dich gefunden haben!«
Ich wollte die armen Teufel nicht um ihre Gratifikation bringen und antwortete darum:
»Ja; sie haben mich entdeckt.«
»Deine Worte sind sehr weise. Aber sage nun auch, ob sie Dich entdeckt hätten, wenn ich sie daheim behalten hätte, anstatt sie auszusenden?«
»Hm! Dann hätten sie mich allerdings nicht angetroffen.«
»Wem also hast Du es eigentlich zu verdanken, daß Du von ihnen gesehen worden bist?«
Ich war gezwungen, seiner Logik zu folgen. Übrigens konnte es nicht zu unserem Vortheile sein, bei ihm anzustoßen; darum antwortete ich so, wie er es erwartete:
»Dir, im Grunde genommen.«
Er nickte mir freundlich zu und fragte weiter:
»Wem also gehören diese dreihundert Piaster, Effendi?«
»Dir allein.«
»So mag Hulam sie an mich bezahlen! Es soll keinem Menschen Unrecht geschehen. Auch ein Kadi hat darauf zu sehen, daß er zu seinem Rechte kommt!«
Er erhielt das Geld und steckte es ein. Die beiden Polizisten machten sehr enttäuschte Gesichter. Ich suchte daher unbemerkt an sie zu kommen, nahm zwei Goldstücke aus dem Beutel und steckte einem Jeden von ihnen eins zu. Das mußte heimlich geschehen, sonst wäre zu erwarten gewesen, daß der Kadi abermals Gerechtigkeit hätte walten lassen.
Die beiden Männer waren ganz glücklich über dieses Geschenk, und mir machte die Ausgabe keinen Schaden, da ich sie von dem Gelde Ali Manach’s bestritten hatte.
Jetzt wurde nach Polizisten geschickt, welche bald eintrafen. Ehe wir aber den Gang antraten, gab der Kadi mir einen Wink, mit ihm zur Seite zu treten. Ich war neugierig auf die vertrauliche Mittheilung, welche er mir zu machen hatte.
»Effendi,« sagte er, »bist Du wirklich Deiner Sache sicher, daß er der Derwisch aus Stambul ist?«
»Vollständig!« antwortete ich.
»Er war dabei, als Du gefangen wurdest?«
»Ja. Er bestimmte sogar die Höhe des Lösegeldes, welches ich bezahlen sollte.«
»Und er hat Dir abgenommen, was Du in Deinen Taschen hattest?«
»Ja.«
»Auch Deinen Geldbeutel?«
»Ja,« antwortete ich.
Jetzt begann ich zu ahnen, was er beabsichtigte. Ich hatte, als ich mein Erlebniß erzählte, aufrichtig erwähnt, daß ich in der Börse mehr Geld gefunden habe, als erst darin gewesen war. Auf diesen Betrag war es abgesehen; der Kadi wollte ihn confisciren! Er erkundigte sich im freundlichsten, vertraulichsten Tone weiter:
»Heute hatte er ihn in seiner Tasche?«
»Ja. Ich habe ihn herausgenommen.«
»Und es war mehr Geld darin als vorher?«
»Es waren Goldstücke darin, welche ich nicht hinein gethan habe. Das ist wahr.«
»So wirst Du wohl zugeben, daß sie nicht Dir gehören!«
»Ah! Wem sonst?«
»Ihm natürlich, Effendi!«
»Das will mir nicht einleuchten. Aus welchem Grunde soll er sein Geld in meine Börse gethan haben?«
»Weil Dein Beutel ihm besser gefallen hat, als der seinige. Kein Mensch aber darf das behalten, was ihm nicht gehört!«
»Da hast Du ganz Recht. Aber meinst Du denn, daß ich Etwas behalten habe, was mir nicht gehörte?«
»Natürlich! Die Goldstücke, welche er hineingethan hat.«
»Wallahi! Hast Du nicht aus seinem eigenen Munde gehört, daß er leugnet, Geld in meinen Beutel gethan zu haben?«
»Es sind Lügen!«
»Das muß bewiesen werden. Er weiß nichts von dem Geld.«
»Aber Du sagst ja selbst, daß es sich vorher nicht in dem Beutel befunden habe!«
»Das gestehe ich ein. Niemand kann es sagen, wie es hineingekommen ist; nun es sich aber darin befindet, ist es mein Eigenthum.«
»Das darf ich nicht zugeben. Die Obrigkeit muß es an sich nehmen, um es dem richtigen Eigenthümer zurückzugeben.«
»Sage mir vorher, wem das Wasser gehört, welches es über Nacht in Deinen Hof regnet!«
»Wozu diese Frage?«
»Holt die Obrigkeit das Wasser, um es dem richtigen Eigenthümer zurückzugeben? Es hat über Nacht in meinen Beutel geregnet. Das Wasser gehört mir, denn der Einzige, welchem es außer mir gehören konnte, hat darauf verzichtet.«
»Ich höre, daß Du ein Franke bist, der die Gesetze dieses Landes nicht kennt.«
»Das mag sein; aber darum befolge ich meine eigenen Gesetze. Kadi, das Geld behalte ich! Du bekommst es nicht!«
Bei diesen Worten wendete ich mich von ihm ab, und er machte keinen Versuch, mich zu einer Änderung zu bewegen. Es war gar nicht meine Absicht, das Geld für mich
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