Der Abschiedsstein: Das Geheimnis Der Grossen Schwerter 2
die Anitullanische Straße zu den Bergpässen hinaufzusteigen begann, die in das eigentliche Nabban führten. Sie kamen an Dutzenden von Pilgern und Kaufleuten vorüber, die erschöpft am Straßenrand hockten und sich mit ihren breitkrempigen Hüten Kühlung zufächelten. Manche hatten nur eine Pause eingelegt, um zu rasten und Wasser zu trinken, aber es gab auch mehrere wütende Händler, deren Esel sich schlichtweg geweigert hatten, ihre überladenen Karren die steile Straße hinaufzuziehen.
»Wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit haltmachen«, erklärteDinivan, »können wir über Nacht in einer der Bergstädte bleiben. Dann hätten wir morgen früh nur noch einen kurzen Ritt bis in die Stadt. Trotzdem – ich weiß selbst nicht, warum – widerstrebt es mir, die Ankunft länger hinauszuzögern als unbedingt nötig. Wenn wir in die Nacht hineinreiten, können wir vor Mitternacht in der Sancellanischen Ädonitis sein.«
Miriamel sah zurück, die Straße hinunter, dann nach vorn, wo der Weg zwischen den ausgedörrten, goldenen Hügeln verschwand. »Ich hätte nichts dagegen, haltzumachen«, meinte sie. »Mir tut so ziemlich alles weh.«
Dinivan machte ein besorgtes Gesicht. »Ich verstehe das. Schließlich bin ich das Reiten weniger gewöhnt als Ihr, Prinzessin, und mein Hintern juckt auch ganz schön.« Er errötete und lachte. »Verzeiht mir, Herrin. Aber ich habe das Gefühl, je eher wir den Lektor erreichen, desto besser ist es.«
Miriamel sah zu Cadrach hinüber, um festzustellen, was er dazu sagte. Aber der Mönch war so tief in seine eigenen Gedanken verstrickt, dass er im Sattel schwankte und es seinem Pferd überließ, sich den Weg bergan zu suchen.
»Wenn Ihr meint, dass es wichtig sein könnte«, bemerkte Miriamel schließlich, »dann reiten wir notfalls die ganze Nacht hindurch. Ehrlich gesagt, weiß ich allerdings nicht recht, was ich dem Lektor erzählen sollte – oder er mir –, das nicht noch einen Tag warten könnte.«
»Die Dinge befinden sich im Fluss, Miriamel», erwiderte Dinivan und senkte die Stimme, obwohl die Straße bis auf einen Bauernwagen, der eine halbe Achtelmeile vor ihnen vor sich hin knarrte, ganz leer war. »In Zeiten wie diesen, in denen nichts sicher ist und wir viele Gefahren noch gar nicht richtig kennen, bereut man später oft, einen Tag vertan zu haben. So viel Weisheit besitze ich immerhin. Mit Eurer Erlaubnis will ich darauf vertrauen.«
Sie ritten die Dämmerung hindurch und hielten auch nicht an, als die Sterne hinter den Hügeln aufstiegen. Die Straße wand sich durch die Pässe und dann wieder abwärts, vorbei an weiteren Städten und Siedlungen, bis sie endlich die Ausläufer der großen Stadt erreichteund so viele Lampen sie erhellten, dass sie strahlender leuchtete als der Himmel.
Obwohl es kurz vor Mitternacht war, herrschte in den Straßen von Nabban reges Leben. An allen Ecken brannten Fackeln. In flackernden Lichttümpeln zeigten Gaukler und Tänzer ihre Künste und hofften auf ein paar Münzen von angeheiterten Vorübergehenden. Aus den Schenken, deren offene Fensterläden die kühle Sommernacht einließen, drangen Laternenlicht und Lärm auf die kopfsteingepflasterten Straßen.
Miriamel döste bereits auf ihrem Pferd vor sich hin, als sie die Anitullanische Straße verließen und dem Lauf des Quellenwegs hinauf zum Sancellinischen Hügel folgten. Vor ihnen erhob sich gewaltig die Sancellanische Ädonitis. Ihr berühmter Spitzturm erschien im Fackellicht nur wie ein dünner, goldener Faden, aber ihre hundert Fenster glühten warm.
»In Gottes Haus wacht immer jemand«, sagte Dinivan ruhig.
Als sie durch die engen Straßen bergauf und auf den großen Platz zuritten, konnte Miriamel die bleichen, runden Umrisse der Türme der Sancellanischen Mahistrevis erkennen, die im Westen gleich hinter der Sancellanischen Ädonitis lag. Das herzogliche Schloss stand auf dem felsigen Vorgebirge an der äußersten Spitze von Nabban und beherrschte den Blick aufs Meer, wie Nabban selbst einst die Länder der Menschen beherrscht hatte.
Die beiden Sancellanischen Häuser, dachte Miriamel, das eine errichtet, um den Körper, das andere, um die Seele zu regieren. Nun, die Sancellanische Mahistrevis ist bereits ein Opfer des Vatermörders Benigaris geworden, aber der Lektor ist ein gottesfürchtiger und guter Mann , wie Dinivan sagt, und Dinivan ist kein Dummkopf. Wenigstens hier gibt es Hoffnung.
Über ihr in der Dunkelheit klagte eine Möwe. Es gab ihr einen Stich ins
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