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Der Abschiedsstein: Das Geheimnis Der Grossen Schwerter 2

Der Abschiedsstein: Das Geheimnis Der Grossen Schwerter 2

Titel: Der Abschiedsstein: Das Geheimnis Der Grossen Schwerter 2 Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tad Williams
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Kohlenbecken und blätterte in einigen Pergamenten, die aufgerollt auf dem Tisch lagen. Sie schienen ihr recht uninteressant, voller Zahlen und Angaben über Grundstücksgrenzen. Die Bücher waren sämtlich religiösen Inhalts, bis auf einenseltsamen Band mit vielen Holzschnitten merkwürdiger Wesen und unerklärlicher Rituale, der aufgeschlagen quer über den anderen lag. Als sie vorsichtig mit den Fingern durch die Seiten fuhr, fand sie eine, die mit einem Stoffstreifen markiert war. Sie zeigte die unbeholfene Darstellung eines gehörnten Mannes. Er hatte einen durchbohrenden Blick und schwarze Hände. Zu seinen Füßen duckten sich verschreckte Menschen; über seinem Kopf stand am schwarzen Himmel ein einziger, blendendheller Stern. Die Augen schienen aus dem Blatt herauszustarren, direkt in ihre eigenen.
    Sa Asdridan Condiquilles, las sie die Bildunterschrift. Der Erobererstern.
    Ein Schauder überlief sie. Das Bild gab ihr ein so eiskaltes Gefühl, wie es die feuchten Sancellanischen Korridore niemals vermocht hätten. Es erschien ihr wie etwas, das sie in einem Alptraum erblickt, eine Geschichte, die man ihr als Kind erzählt hatte und deren üblen Sinn sie erst jetzt erkannte.
    Hastig legte Miriamel das Buch auf seinen ursprünglichen Platz und trat zurück. Als hätte sie etwas Unreines berührt, rieb sie sich die Finger an ihrem Mantel ab.
    Hinter dem Vorhang, durch den Dinivan gegangen war, ertönten leise Stimmen. Miriamel schlich näher und versuchte, die Worte zu verstehen, aber sie waren zu leise. Vorsichtig zog sie den Wandbehang zur Seite. Aus dem Nebenraum drang ein schmaler Lichtstreifen.
    Es musste wohl das Audienzgemach des Lektors sein, denn das Zimmer war reicher ausgeschmückt als alle anderen, die sie bisher zu Gesicht bekommen hatte, ausgenommen die Eingangshalle, die sie gestern Abend im Halbschlaf passiert hatte. Die hohe Decke war mit Hunderten von Szenen aus dem Buch Ädon bemalt. Das Oberlicht zeigte einen Streifen grauen Morgenhimmel. Hinter einem Sessel in der Mitte des Raums hing ein riesiges, azurblaues Banner, bestickt mit Pfeiler und Baum der Mutter Kirche.
    Lektor Ranessin, ein schlanker Mann mit einem hohen Hut auf dem Kopf, saß im Sessel und lauschte auf die Worte eines dicken Mannes in den zeltähnlichen Goldgewändern eines Escritors. Neben ihm stand Dinivan und scharrte vor Ungeduld mit dem Fuß im dicken Teppich.
    »Aber das ist es ja gerade, Eure Heiligkeit«, erklärte der Dicke mit fettglänzendem Gesicht und in wundervoll gemessenem Tonfall. »Wenn es jemals wichtig war, den Hochkönig nicht zu beleidigen … jedenfalls befindet er sich derzeit nicht in zugänglicher Stimmung. Wir müssen sorgsam an unsere exponierte Stellung denken, und natürlich auch an das Wohl aller, die von der Mutter Kirche Mäßigung und guten Einfluss erwarten.« Er zog ein kleines Kästchen aus dem Ärmel und steckte etwas in den Mund. Die runden Wangen wurden einen Moment lang flach, als er daran saugte.
    »Ich verstehe Euch, Velligis«, erwiderte der Lektor und hob milde lächelnd die Hand. »Euer Rat ist stets wertvoll. Ich bin ewig dankbar, dass Gott uns zusammengeführt hat.«
    Velligis neigte anerkennend den runden Kopf.
    »Wenn Ihr nun die Güte haben wolltet …«, fuhr Ranessin fort. »Ich sollte wirklich dem armen Dinivan einige Zeit widmen. Er ist tagelang geritten, und ich warte sehnlich auf seine Neuigkeiten.«
    Der Escritor sank in die Knie – keine geringe Leistung für einen Mann seines Umfangs – und küsste den Saum des blauen Lektorengewandes. »Wenn Ihr mich braucht, Eure Heiligkeit – ich werde bis heute Nachmittag in der Kanzlei sein.« Er stand auf und verließ anmutig watschelnd den Raum, nicht ohne ein weiteres Zuckerbonbon aus seinem Kästchen zu fingern.
    »Seid Ihr wirklich dankbar dafür, dass Gott Euch zusammengeführt hat?«, erkundigte sich Dinivan lächelnd.
    Der Lektor nickte. »O ja. Velligis ist mir eine lebende Mahnung, dass der Mensch sich selbst nicht zu ernst nehmen sollte. Er meint es gut, aber er ist so ungemein von sich überzeugt.«
    Dinivan schüttelte den Kopf. »Ich will gern glauben, dass er es gut meint, aber sein Rat ist geradezu verbrecherisch. Wenn es je eine Situation gegeben hat, in der die Mutter Kirche sich als lebendige Kraft des Guten beweisen musste, dann jetzt.«
    »Ich kenne deine Gefühle, Dinivan«, erwiderte der Lektor sanft. »Aber dies ist nicht die Zeit, um übereilte Entschlüsse zu fassen, die man dann hinterher und in

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