Der Abschiedsstein: Das Geheimnis Der Grossen Schwerter 2
bekannten Welt. Nabbans Glanz besteht aus nichts als Erinnerung – ausgenommen natürlich die Mutter Kirche. Nabban ist jetzt ihre Stadt.«
»Ist es nicht interessant, wie gerade diejenigen, die unseren Herrn Usires einst erschlugen, ihn jetzt so warm an ihren Busen drücken?«, bemerkte Cadrach, der schon ein Stückchen weitergeritten war. »Wenn man tot ist, hat man immer gleich mehr Freunde.«
»Ich verstehe nicht, was du meinst, Cadrach«, antwortete Dinivan ernst, »aber es klingt mehr nach Verbitterung als nach Erkenntnis.«
»So?«, meinte Cadrach. »Ich spreche nur vom Nutzen der Helden, die nicht da sind und darum auch nicht für sich selbst sprechen können.« Seine Miene wurde finster. »Lieber Gott, ich wünschte, ichhätte einen Schluck Wein.« Er wich Dinivans fragendem Blick aus, drehte sich um und verzichtete auf weitere Äußerungen.
Die Rauchfahnen erinnerten Miriamel an etwas. »Wie viele von den Feuertänzern, die wir in Teligur gesehen haben, gibt es eigentlich? Sind sie in allen Städten?«
Dinivan schüttelte den Kopf. »Vermutlich kommen aus jeder Stadt nur ein paar; aber sie schließen sich zusammen und wandern von Ort zu Ort, um ihre üble Botschaft zu verkündigen. Es ist nicht ihre Zahl, die einem Angst machen sollte, sondern die Verzweiflung, die ihnen anhaftet wie eine Pest. Für jeden, der zu ihnen stößt und mit in die nächste Stadt zieht, stehen ein Dutzend andere, die im tiefsten Herzen an ihre Botschaft glauben und das Vertrauen zu Gott verlieren.«
»Die Menschen glauben an das, was sie sehen«, mischte Cadrach sich ein und starrte Dinivan eindringlich an. »Sie hören die Botschaft des Sturmkönigs und sehen, wozu seine Hand fähig ist. Sie warten darauf, dass Gott die Ketzer zerschmettert. Aber Gott tut nichts.«
»Das ist eine Lüge, Padreic«, erwiderte Dinivan hitzig. »Oder Cadrach, oder welchen Namen du jetzt auch gewählt hast. Auf das Wählen kommt es nämlich an. Gott lässt jeden Menschen wählen. Er zwingt niemanden, ihn zu lieben.«
Der Mönch schnaubte wie angewidert, ohne jedoch die Augen von dem Priester zu lassen. »Das tut er allerdings nicht.«
Auf irgendeine sonderbare Weise, dachte Miriamel, schien Cadrach Dinivan geradezu anzuflehen, so als wollte er dem Sekretär des Lektors etwas zeigen, das Dinivan nicht wahrhaben wollte.
»Gott möchte …«, begann der Priester.
»Aber wenn Gott uns nicht überredet und niemanden zwingt und auf die Herausforderung eines Sturmkönigs oder anderer überhaupt nicht reagiert«, unterbrach ihn Cadrach mit vor unterdrückter Erregung heiserer Stimme, »warum, warum wunderst du dich dann, dass die Menschen glauben, es gebe keinen Gott, oder wenn doch, er sei machtlos?«
Dinivan starrte ihn an und schüttelte dann zornig der Kopf.
»Darum gibt es ja die Mutter Kirche. Um Gottes Wort zu verkünden, damit die Menschen ihre Wahl treffen können.«
»Die Menschen glauben an das, was sie sehen«, wiederholte Cadrach traurig und versank von neuem in seinen stummen Gedanken, während sie sich langsam zum Talgrund hinunterarbeiteten.
Mittags erreichten sie die belebte Anitullanische Straße. Menschenströme flossen nach beiden Richtungen und bildeten Wirbel um Gefährte, die sich zum Markt oder von dort zurück bewegten. Miriamel und ihre Begleiter fielen nicht weiter auf. Bis Sonnenuntergang hatten sie eine große Strecke taleinwärts zurückgelegt.
Abends machten sie in Bellidan halt, einer von über einem Dutzend Städten an der Straße, die so ineinander übergingen, dass sich kaum noch feststellen ließ, wo die eine aufhörte und die andere anfing. Sie übernachteten in der örtlichen Priorei, wo Dinivans Ring mit dem Siegel des Lektors und seine hohe Stellung sie zum Mittelpunkt großen Interesses machten. Miriamel verschwand schon früh in der kleinen Zelle, die man ihr zur Verfügung gestellt hatte; sie wollte vermeiden, dass man ihre Verkleidung durchschaute. Dinivan erklärte den Mönchen, sein Begleiter sei erkrankt, und brachte ihr dann eine sättigende Mahlzeit aus Gerstensuppe und Brot. Als sie die Kerze ausblies, um zu schlafen, trat ihr wieder das Bild der Feuertänzerin vor die Augen, jener weißgekleideten Frau, die so jäh in Flammen aufgegangen war. Doch hier, hinter den dicken Mauern der Priorei, kam ihr die Erscheinung nicht mehr ganz so furchterregend vor – nur ein weiteres beunruhigendes Erlebnis in einer unruhigen Welt.
Am späten Nachmittag des nächsten Tages erreichten sie die Stelle, wo
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