Der Abschiedsstein: Das Geheimnis Der Grossen Schwerter 2
Ruhe bereuen kann. Hast du die Prinzessin mitgebracht?«
Sein Sekretär nickte. »Ich hole sie. Sie wartet in meinem Studierzimmer.«Er drehte sich um und ging durch das Audienzgemach auf den Vorhang zu, den Miriamel hastig zurückzog.
Als Dinivan eintrat, stand sie vor dem Kohlenbecken.
»Folgt mir«, bat er. »Der Lektor hat jetzt Zeit für Euch.«
Vor dem Sessel machte Miriamel einen Knicks und küsste den Saum von Ranessins Gewand. Der alte Mann streckte ihr eine überraschend kräftige Hand entgegen und half ihr auf die Füße.
»Bitte setzt Euch zu mir«, sagte er und forderte Dinivan mit einer Geste auf, ihr einen Stuhl zu holen. »Wenn ich es mir recht überlege«, setzte er gleich darauf, zu seinem Sekretär gewandt, hinzu, »solltest du dir auch einen mitbringen.«
Während Dinivan die Stühle herbeitrug, hatte Miriamel zum ersten Mal Gelegenheit, den Lektor zu betrachten. Sie hatte ihn über ein Jahr nicht mehr gesehen, aber er schien sich kaum verändert zu haben. Dünnes, graues Haar umrahmte sein blasses, schönes Gesicht. Die Augen waren munter wie die eines Kindes und hatten etwas untergründig Spitzbübisches. Miriamel verglich ihn unwillkürlich mit Graf Streáwe, dem Herrscher Perdruins. Streáwes Gesicht steckte voller List; Ranessin machte einen viel harmloseren Eindruck. Aber Miriamel brauchte Dinivans Beteuerungen nicht, um selbst zu bemerken, dass sich hinter dem milden Äußeren des Lektors zahlreiche komplizierte Gedankengänge verbargen.
»Nun, meine teure Prinzessin«, begann Ranessin, nachdem sie Platz genommen hatten, »ich habe Euch seit dem Begräbnis Eures Großvaters nicht mehr erblickt. Wahrhaftig, Ihr seid gewachsen – doch was für sonderbare Kleidung Ihr tragt, Herrin.« Er lächelte. »Willkommen im Hause Gottes. Habt Ihr alles, was Ihr benötigt?«
»An Essen und Trinken fehlt es mir nicht, Eure Heiligkeit.«
Ranessin runzelte die Stirn. »Ich kümmere mich nicht viel um Titel, und mein eigener geht den Menschen besonders schwer über die Lippen. Als junger Mann in Stanshire hätte ich nie davon geträumt, mein Leben im fernen Nabban zu beschließen, wo man mich ›Geheiligter‹ und ›Erhabener‹ nennt und ich nie mehr meinen Geburtsnamen höre.«
»Ist denn Ranessin nicht Euer wirklicher Name?«, fragte Miriamel.
Der Lektor lachte. »O nein. Ich bin gebürtig aus dem Erkynlandund heiße Oswin. Doch da Erkynländer nur selten zu solchen Höhen aufsteigen, schien es günstiger, einen Namen anzunehmen, der in Nabban geläufig ist.« Er strich leicht über ihre Hand. »Aber wenn wir schon von falschen Namen reden – Dinivan berichtet mir, dass Ihr weit gereist seid und viel erlebt habt, seit Ihr das Haus Eures Vaters verließt. Wollt Ihr mir von Euren Reisen erzählen?«
Dinivan nickte ihr sanft zu. Miriamel holte tief Atem und begann.
Während der Lektor aufmerksam zuhörte, erzählte sie vom zunehmenden Wahnsinn ihres Vaters, der sie schließlich aus dem Hochhorst vertrieben hatte, von Pryrates’ üblem Rat und Josuas Gefangenschaft. Durch die Fenster unter der Decke drang allmählich helleres Sonnenlicht. Dinivan stand auf, um ihnen etwas zu essen zu bestellen, denn es war schon fast Mittag.
»Faszinierend«, sagte der Lektor, während sie darauf warteten, dass der Sekretär zurückkam. »Das bestätigt viele Gerüchte, die mir zu Ohren gekommen sind.« Er rieb mit dem Finger seine schmale Nase. »Der Herr Usires gewähre uns Weisheit. Warum können die Menschen nicht mit dem zufrieden sein, was sie besitzen?«
Bald darauf erschien Dinivan in Begleitung eines Priesters, der ein gehäuftes Tablett mit Käse und Obst und einen Krug Gewürzwein brachte. Miriamel erzählte weiter, und während sie erzählte und aß und Ranessin in seiner ruhigen Art kluge Fragen stellte, hatte sie beinah das Gefühl, sich mit einem freundlichen, alten Großvater zu unterhalten. Sie berichtete ihm von den Nornenhunden, die sie und ihre kleine Dienerin Leleth verfolgt hatten, und von ihrer Rettung durch Simon und Binabik. Als sie ihnen mitteilte, was sie im Haus der Zauberfrau Geloë erfahren hatte und Jarnaugas furchtbare Warnungen in Naglimund wiederholte, wechselten Dinivan und der Lektor Blicke.
Als sie geendet hatte, schob der Lektor seinen hohen Hut zurecht, der im Lauf der Audienz mehrfach heruntergerutscht war, und lehnte sich seufzend im Sessel zurück. Seine hellen Augen blickten traurig.
»So viel Stoff zum Nachdenken, so viele schreckliche Fragen ohne Antwort. O
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