Der Graf von Sainte-Hermine - Dumas, A: Graf von Sainte-Hermine - Le Chevalier de Sainte-Hermine
wie die Reise von vier-, fünfhundert Meilen von Kalkutta zum Land des Betels; doch hätte er nach vollbrachter Weltreise keine Hélène vorgefunden, hätte ihn das zwar verwundert, da in seinen Augen jede Frau aus gutem Hause ebenso unverbrüchlich ihr Wort hält wie ein Gentleman, aber es
hätte ihn nicht in Verzweiflung gestürzt. Diese zwei Herzen waren füreinander geschaffen; diese zwei Menschen waren für ein ungetrübtes Eheglück geschaffen.
Mit Jane verhielt es sich anders. Jane mit ihrer reichen Phantasie, ihrem Hitzkopf, ihrem feurigen Herzen musste lieben und wiedergeliebt werden; auf den Augenschein gab sie nichts; die schlichte Seemannskleidung Renés hatte ihr kein Kopfzerbrechen bereitet; sie hatte keine Überlegungen angestellt, ob er reich oder arm, Edelmann oder Bürgersmann sei; wie ein rettender Engel war er vor ihr erschienen, als sie sich verzweifelt gegen die Umarmung und Küsse eines Piraten wehrte; sie hatte gesehen, wie er sich ins Meer stürzte, um einen einfachen Matrosen, den seine Kameraden im Stich gelassen hatten, vor dem Rachen eines Hais zu retten, und sie hatte gesehen, wie er dieses Ungeheuer, das alle Seeleute mit Schrecken erfüllt, attackiert und überwältigt hatte; sie hatte erlebt, dass er um ihretwillen und um ihrer Schwester willen eine Reise von fünfzehnhundert Meilen unternommen hatte, in deren Verlauf er gegen malaiische Piraten, gegen Tiger, gegen Riesenschlangen und gegen Räuber gekämpft hatte, und sie hatte gesehen, dass er in seiner Güte das Gold verschenkte wie ein Nabob. Genügte das nicht? Obendrein war er jung, schön, distinguiert. Sie hatte sofort gewusst, dass die Vorsehung und nicht der Zufall sie zusammengebracht hatte, und sie hatte sich in ihn verliebt, wie ein Mensch ihrer Gemütsverfassung zum ersten Mal liebt, mit allen Fibern ihres Herzens. Und nun musste sie die Hoffnung aufgeben, dass ihre Liebe Erwiderung fand, diese Hoffnung, die sie vom ersten Tag ihrer Bekanntschaft bis zu jenem Augenblick gehegt hatte, der ihr Renés Herz und ihr eigenes Herz ganz und gar enthüllte. Was sollte sie nun anfangen, viertausend Meilen von Frankreich entfernt in einer Einöde, in der Renés Abreise sie doppelt einsam zurücklassen würde? Wie glücklich war doch ihre Schwester! Sie liebte und wurde geliebt.
Eine Liebe wie die Sir James Asplays hätte ihrer Liebe niemals genügt. Warum muss es so leidenschaftliche Herzen geben, wenn ihnen kein besseres Los beschieden ist, als in der Einsamkeit zu leben und in der Kälte eines Lebens ohne Sonne zu vergehen?
Eine Frau, die nie schön war, war nie jung, aber eine Frau, die nie geliebt wurde, hat nicht gelebt.
In ihrer Verzweiflung biss Jane in ihre tränennassen Batisttaschentücher, an deren Rand sie sich eines fernen Tages die ineinander verschlungenen Initialen ihres und Renés Namens erträumt hatte.
So verging der Tag.
Janes Unwohlsein diente ihr als Vorwand, die anderen nicht sehen zu müssen, doch Hélène, die ihren wahren Zustand zu erraten begonnen hatte, ließ, was ungewöhnlich genug war, Jane fragen, ob sie sie empfangen wolle.
Jane ließ ihr ausrichten, es sei ihr recht, und kurz darauf hörte sie im Flur die Schritte ihrer Schwester.
Sie unterdrückte ihre Tränen und versuchte zu lächeln, doch sobald sie die geliebte Schwester erblickte, vor der sie noch nie Geheimnisse gehabt hatte, brach sie in Schluchzen aus, breitete die Arme aus und rief: »O Schwester, ich bin so unglücklich! Er liebt mich nicht, und er wird uns verlassen!«
Hélène schloss die Tür, schob den Riegel vor und eilte zu Jane, die sie umarmte.
»Oh!«, rief Hélène. »Warum hast du mir nichts von dieser Liebe erzählt, solange noch Zeit war, sie zu unterdrücken?«
»Ach!«, sagte Jane. »Ich habe ihn vom ersten Augenblick an geliebt.«
»Und ich in meiner Selbstsucht«, sagte Hélène, »war nur mit meinen eigenen Gefühlen beschäftigt, statt auf dich Acht zu geben, wie es meine Pflicht als ältere Schwester und zweite Mutter gewesen wäre! Und wie blind war ich, auf den Anstand dieses Mannes zu vertrauen!«
»O nein, Hélène, ihm darfst du keinen Vorwurf machen«, rief Jane, »der Himmel ist unser Zeuge, dass er nichts getan hat, um meine Liebe zu wecken, und dass ich mich in ihn verliebt habe, weil er für mich der schönste, der ritterlichste und der tapferste Mann der Welt ist!«
»Und er hat gesagt, dass er dich nicht liebt?«, fragte Hélène ungläubig.
»O nein, o nein! Er weiß, wie sehr mich das
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