Der Graf von Sainte-Hermine - Dumas, A: Graf von Sainte-Hermine - Le Chevalier de Sainte-Hermine
und dem Pfeifenstrauch; ihr Blütenkelch, weiß, rosa oder gelb, sitzt auf einer hohen Blütenkrone, durch die ein Faden gezogen wird, und dieser Blütenschmuck hüllt seine Trägerin in ein köstliches und erregendes Parfum.
Die Maurinnen Algiers und der afrikanischen Küste können mit ihren Kronen und Gürteln aus Orangenblüten eine Ahnung von diesem duftenden Schmuck vermitteln.
Die Nächte Indiens sind zu bestimmten Zeiten prachtvoll und zauberhaft; Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge sind von atemberaubender Schönheit: Der Himmel durchläuft alle Färbungen, wie sie der kundigste Feuerwerker nicht zu ersinnen vermöchte. An schönen Frühlings- und Herbsttagen, wenn man von diesen Jahreszeiten sprechen will, die weder sichtbar noch spürbar sind, gleicht das Aufgehen des Vollmonds einem Sonnenaufgang an unseren farblosen westlichen Tagen. Ist die Sonne aus Feuer, ist der Mond aus Gold; sein Umfang ist riesig; wenn er am Scheitelpunkt steht, kann man in seinem Schein so bequem lesen, schreiben oder jagen wie am helllichten Tag. Die Herrlichkeit der indischen Nächte liegt vor allem in ihrem Abwechslungsreichtum: Die einen sind so finster, dass man keine zwei Schritte weit sehen kann, die anderen unterscheiden sich fast nicht vom Tag und nur durch ihren bestirnten Himmel und eine unendliche Vielfalt an bei uns unbekannten Sternbildern, die den Himmel bedecken. Die Himmelskörper wirken in diesen Nächten näher, zahlreicher, strahlender als in unserer Hemisphäre, und der Mond überstrahlt ihr Licht nicht etwa, sondern scheint es durch sein Leuchten noch zu verstärken.
Andere Nächte – wobei ich zögere, von Nächten zu sprechen, da dieses Wort dem Phänomen, das es bezeichnen soll, so wenig gerecht wird -, sind wahre Polarnächte, die das ganze Himmelsgewölbe in Brand setzen: Kaum sind hinter den spärlichen Wolken, die über dem Azur des Himmels ziehen, die purpurnen Strahlen der untergehenden Sonne erloschen, kaum ist die Dämmerung vergangen wie im Theater der Vorhang zwischen zwei Bühnenbildern, steigt vom Boden eine milchige Helligkeit auf, erfüllt die Landschaft von Horizont zu Horizont und erzeugt jene schönen weißen Nächte ohne erkennbare Lichtquelle, die der große russische Dichter Puschkin besungen hat. Naht das Tageslicht? Bricht die Nacht herein? Niemand vermöchte es zu sagen: Die Körper werfen keine Schatten, die Lichtquelle, die diese eigenartige Helligkeit erzeugt, ist nicht zu erkennen, ein unbekanntes Fluidum umwallt den Betrachter, die Phantasie schwingt sich auf bis zu den höchsten Gewölben des Firmaments, das Herz fühlt sich von göttlicher Zärtlichkeit durchdrungen, und die Seele verspürt jene Unendlichkeitsanwandlungen, die den Glauben an die Existenz des Glücks wecken.
Unterdessen bewegen sich die Zweige und verströmen süße Düfte, leises Rauschen regt sich in den höchsten Baumwipfeln wie im bescheidensten Rasenflor, die Blüten überlassen ihr Parfum dem Windhauch, und
dieser bringt in glühenden Schwaden den Wohlgeruch Millionen verschiedener Blumen mit, den Weihrauch, den die Natur dem Altar jenes universellen Gottes darbringt, der viele Namen, aber nur ein Wesen hat.
Die zwei jungen Leute saßen nahe nebeneinander; Janes Hand lag in Renés Hand; bisweilen verharrten sie stundenlang so, ohne zu sprechen; Jane berauschte sich, René träumte.
»René«, sagte Jane, den Blick zum Himmel gerichtet und in wehmütiges Sinnen versunken, »ich bin glücklich. Warum kann Gott mir dieses Glück nicht gewähren? Es würde mir genügen.«
»Und genau darin, Jane«, erwiderte René, »besteht unsere Schwäche als Menschen, als armselige niedrigere Wesen: Anstelle eines Gottes der Welten, der die universelle Harmonie durch das Gleichgewicht der Himmelskörper bewirkt, haben wir uns einen Gott nach unserem Bild geschaffen, einen persönlichen Gott, von dem jedermann Rechenschaft verlangt, nicht über die großen atmosphärischen Katastrophen, sondern über unsere kleinen privaten Missgeschicke. Wir beten zu Gott, zu einem Gott, den unser menschlicher Geist nicht fassen kann, den man mit menschlichem Maß nicht messen kann, der nirgends sichtbar ist und dennoch, wenn es ihn gibt, überall weilt; wir beten zu ihm, wie unsere Vorfahren zu ihrem Hausgott beteten, einem ellenlangen Figürchen, das sie immer vor Augen und zur Hand hatten, wie der Inder zu seinem Götzen betet und der Neger zu seinem Talisman; wir fragen ihn, je nachdem ob wir erfreut oder bekümmert sind:
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