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Der Graf von Sainte-Hermine - Dumas, A: Graf von Sainte-Hermine - Le Chevalier de Sainte-Hermine

Titel: Der Graf von Sainte-Hermine - Dumas, A: Graf von Sainte-Hermine - Le Chevalier de Sainte-Hermine Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Alexandre Dumas
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Tasche zu holen, um ihn ihr unter die Nase zu halten; dann erwog er jedoch, dass er sie nur wieder dem Schmerz aussetzte, wenn er sie ins Leben zurückholte, und dass er besser daran tue, auf die Natur zu vertrauen, die Jane helfen würde, während des Betäubungsschlafs ihrer Sinne die Kraft wiederzuerlangen, deren sie beim Erwachen bedurfte, so wie der Tag seine Kraft aus dem Dunkel der Nacht und den Tränen des Morgens schöpft.
    Wahrhaftig kündete schon bald ein leiser Seufzer an, dass Jane im Begriff war, das Bewusstsein wiederzuerlangen, und René, an dem sie lehnte, konnte zählen, wie viele Herzschläge zwischen Tod und Leben liegen. Zuletzt schlug sie die Augen auf und flüsterte, noch ohne zu wissen, wo sie sich befand: »Oh, ist mir wohl!«
    René schwieg; es war noch zu früh, die ersten, schwachen Lichtstrahlen der Rückkehr Janes in das Bewusstsein mit dem kalten, harten Tageslicht der Wirklichkeit zu vertreiben; stattdessen verlängerte er wie durch Hypnose den undefinierbaren Zustand, der weder Tod noch Leben ist und in dem die Seele gewissermaßen über dem Körper schwebt.
    Dann kehrten Janes Gedanken einer nach dem anderen zurück und mit ihnen das Wissen um ihre Situation. Ihre Verzweiflung war kummervoll und sanft wie die jener, die unverschuldet ein Unglück trifft, und wandelte sich bald in Resignation. Tränen entquollen ihren Augen, doch ohne Heftigkeit und ohne Schluchzen, wie im Frühjahr der Lebenssaft aus einem jungen Baum rinnt, dem die Axt versehentlich eine Wunde zugefügt hat. Als sie die Augen öffnete und den jungen Mann neben sich sah, sagte sie: »Ach, René, Sie sind bei mir geblieben, das ist gütig von Ihnen; aber Sie haben recht, so kann es nicht länger weitergehen, um Ihretwillen wie um meinetwillen. Bleiben Sie noch einen Augenblick, lassen Sie mich Kraft aus Ihrer Nähe und aus Ihrer Berührung schöpfen, und Sie werden sehen, dass ich alles tun werde, was Vernunft und Willen im Verein zu tun vermögen. Was Ihr Geheimnis betrifft, müssen Sie nichts befürchten, es ist in meinem Herzen so tief begraben, wie es die Toten in ihren Gräbern sind, und glauben Sie mir, René, dass ich trotz meines Schmerzes, trotz
allen Leides, das ich erlitten habe und noch erleiden werde, niemals wünschen könnte, Ihnen nicht begegnet zu sein. Wenn ich meine gegenwärtigen Kümmernisse mit dem Leben vergleiche, das ich führte, bevor ich Sie sah, und das ich führen werde, wenn ich Sie nicht mehr sehe, ist mir mein gegenwärtiges Leben mit allem Leid, das es mit sich bringt, tausendmal teurer als das farblose Leben von früher oder das ziellose Leben künftiger Zeiten. Ich werde jetzt allein mit der Erinnerung an Sie in meinem Zimmer bleiben. Gehen Sie hinunter; sagen Sie den anderen, dass ich nicht kommen werde, sagen Sie, es sei nichts Ernstes, ich sei nur unwohl, müde, weiter nichts, sagen Sie, Sie hätten mir geraten, im Bett zu bleiben; schicken Sie mir Blumen herauf, kommen Sie mich besuchen, wenn Sie die Zeit erübrigen können, ich werde Ihnen für alles dankbar sein, was Sie für mich tun können.«
    »Soll ich Ihnen gehorchen«, sagte René, »oder soll ich trotz Ihrer Bitte bleiben, bis Sie wieder bei Kräften sind?«
    »Nein, gehorchen Sie; erst wenn ich sagen werde: ›Gehen Sie nicht‹, wird es an der Zeit sein, nicht auf mich zu hören.«
    René erhob sich, küsste seiner Cousine mit ungeheuchelter Zärtlichkeit die Hand, blieb einen Augenblick lang stehen und sah sie traurig an, dann ging er zur Tür, verharrte abermals, um sie anzusehen, und ging hinaus.
    Einzig Hélène war aufgefallen, wie ernst die Erkrankung ihrer Schwester zu sein schien, die sie weder Erschöpfung noch überstandenen Gefahren zuschrieb, sondern der wahren Ursache, die sie zu erahnen begann.
    Hélène war von sanftmütigem und bezauberndem Wesen, doch eher kühl als feurig, und ihre Verbindung mit Sir James war keine Liebesheirat. Sie hatte Sir James in der vornehmen Welt kennengelernt und in ihm den dreifachen Adel von Geist, Geburt und Herzen gefunden; Sir James hatte ihr gefallen, doch ihre Liebe zu ihm war nicht so ausschließlicher Natur, dass Glück oder Unglück ihres Lebens von ihrer Vereinigung abhingen. Er seinerseits hegte ähnlich temperierte Gefühle für seine Braut; er war zum vereinbarten Zeitpunkt aus Kalkutta gekommen, doch eher wie ein Ehrenmann, der sein Wort hält, als wie ein Liebender, der sich nach der Geliebten verzehrt. Eine Weltreise hätte er ebenso pünktlich absolviert

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