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Der Greif

Der Greif

Titel: Der Greif Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gary Jennings
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bevor wir uns zum Spielen trafen. Er verbot mir strikt, ihn jemals bei der Arbeit zu besuchen, aber ich hatte dieselbe abstoßende Arbeit bereits in anderen Gerbereien in Constantia beobachten können. Also wußte ich, was er zu tun hatte - »Jesus, dachte ich, wahrscheinlich gerbte
    Gudinand einige meiner Felle!« - und ich wußte auch, daß es eine so niedrige Arbeit war, daß üblicherweise nur die wertlosesten Sklaven dazu gezwungen wurden.
    Ich konnte nicht verstehen, warum Gudinand diese
    trostlose Arbeit angenommen hatte, oder warum seine
    Herren ihm noch keine würdigere Position gegeben hatten.
    Unvorstellbar, daß er diese abstoßende Arbeit seit so vielen Jahren ohne zu klagen auf sich nahm und sich damit
    abgefunden zu haben schien, sie vielleicht für den Rest seines Lebens zu machen. Ich sage es nochmals: Gudinand war ein gutaussehender, sympathischer, umgänglicher
    junger Mann, zwar nicht sehr gesprächig, aber auch nicht auf den Kopf gefallen - er hatte nicht, wie ich, die Schule besuchen können, aber sein Vater hatte ihm, als er noch lebte, beigebracht, die gotische Schrift zu lesen und zu schreiben.
    Eigentlich hätte jeder Kaufmann in Constantia danach
    trachten müssen, Gudinand für den Empfang von Kunden
    einzusetzen, ihn die ersten Angelegenheiten regeln und die Kunden in eine spendable Stimmung versetzen zu lassen, bevor der Kaufmann selbst erscheinen und die harten
    Verhandlungen über die anstehenden Geschäfte in die Hand nehmen würde. Gudinand wäre im Empfang ideal gewesen.
    Warum er sich niemals um eine solche Anstellung bemüht oder warum kein Kaufmann ihm sie angeboten hatte, konnte ich nicht verstehen. Da aber Gudinand mir nur wenige
    Fragen über mich stellte, nahm ich Abstand davon, ihm
    Fragen über ihn und seinen zurückgezogenen
    Lebenswandel zu stellen. Er war mein Freund und ich
    seiner. Müssen zwei gute Freunde wirklich noch mehr
    voneinander wissen?
    Es gab jedoch noch etwas an ihm, daß mich nicht nur
    verwirrte, sondern mir wirklich Schwierigkeiten bereitete. Hin und wieder manchmal waren wir mitten in irgendeinem
    lustigen Spiel - hielt Gudinand plötzlich inne und fragte, sehr ernst oder sogar erschreckt aussehend, etwas wie:
    »Thorn, hast du den grünen Vogel gesehen, der gerade
    eben vorbeiflog?«
    »Ne, Gudinand«, würde ich dann antworten, »ich habe
    keinen Vogel gesehen. Und einen grünen Vogel habe ich noch nie im Leben gesehen.«
    Oder er machte eine Bemerkung über den heißen Wind,
    oder den kalten Wind, der auf einmal wehte, wenn ich nicht den geringsten Hauch verspürte und sich an keinem der
    umliegenden Büsche oder Bäume auch nur ein Blatt rührte.
    Nachdem Gudinand mehrmals in meiner Gegenwart etwas
    mir nicht Wahrnehmbares gesehen oder gefühlt hatte, fiel mir noch etwas auf. Jedesmal nämlich preßte er die Daumen so stark gegen die Handteller, daß es aussah, als ob seine Hände jeweils nur vier Finger hätten. Wenn er zufällig barfuß war, krümmten sich seine Zehen so eng unter seine
    Fußsohlen, daß es beinah aussah, als hätte er die Hufe eines Tieres. Noch mehr bestürzte mich, daß er im selben Moment, ohne ein weiteres Wort, so schnell er mit diesen behuften Füßen nur konnte, davonrannte und ich ihn für den Rest des Tages nicht mehr zu Gesicht bekam. Niemals bot er mir eine Erklärung oder eine Entschuldigung für sein seltsames Verhalten und sein abruptes Verschwinden an, wenn wir uns wieder sahen. Jedesmal verhielt er sich, als ob er sich an sein Verhalten nicht erinnern könnte und das machte alles nur noch rätselhafter.
    Da es aber so selten vorkam, daß es unsere Freundschaft nicht ernsthaft gefährden konnte, verbot ich mir, ihn
    deswegen mit Fragen zu bedrängen. Außerdem muß ich
    zugeben, daß ich selbst in dieser Zeit so seltsame Gefühle, Gedanken und Tagträume in mir entdeckte, wie ich sie
    bisher nicht kannte. Und diese Einsicht gab mir noch mehr Grund zur Verwirrung als Gudinands exzentrisches
    Verhalten.
    Zu Beginn unserer Freundschaft hatte ich Gudinand aus
    denselben Gründen bewundert, aus denen es jeder andere jüngere Bursche tun würde - weil er älter war, athletischer, selbstsicherer - und weil er mich ohne die für ältere Brüder so typische Arroganz zum Freund genommen hatte. Nach
    einer Weile jedoch, besonders wenn wir uns für einen
    Wettlauf oder einen Ringkampf bis auf einen Lendenschurz auszogen und ich Gudinand so gut wie nackt sehen konnte, entdeckte ich, daß ich ihn mehr wie ein verliebtes junges

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