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Der Himmel über Kasakstan

Der Himmel über Kasakstan

Titel: Der Himmel über Kasakstan Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinz G. Konsalik
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geworden.« Er machte eine Handbewegung, die bedeuten konnte: Steigt ab – oder geht weg. Die Trimofa entschloß sich, abzusteigen.
    »Ich bitte euch um eure Gastfreundschaft, Noyon (Fürst, mongolisch). Wir sind müde und am Ende unserer Kräfte.«
    »Ich sehe es.« Der Greis musterte die Pferde. Sie allein sagten ihm alles. Wenn ein Pferd müde ist, brauchte er keinen Menschen anzusehen. Bei Boris' goldenem Pferd leuchteten seine Augen auf. »Es ist ein Hengst aus Europa! Woher kommt ihr?«
    »Aus Kasakstan. Wir wollen nach Indien.«
    »Ein weiter Weg, meine Tochter. Ihr seid Bauern?«
    »Ich bin Ärztin.«
    »Ärztin?« Die Augen des Greises weiteten sich. Er verbeugte sich wieder, mit jenem feierlichen Ritus der Asiaten, mit dem sie Gäste empfangen, gemessen, demütig, sich unterordnend und doch voller Hoheit. »Sei mir doppelt willkommen, meine Tochter. Kommt in meine Jurte, bitte.«
    In dem großen Filzzelt setzten sie sich auf geflochtene Matten und alte Teppiche. Sie hörten, wie draußen die Pferde weggeführt wurden und das goldene Pferd Boris wieherte und nach ihm rief. Boris wollte aufspringen, aber Svetlana hielt ihn fest.
    »Sie werden es gut versorgen, Bor.«
    »Ich will es sehen! Hast du beobachtet, wie der Alte es angestarrt hat. Sie wollen es mir wegnehmen.«
    »Sei kein wilder Mann, Boris.« Natascha Trimofa zog ihn am Arm zurück auf die Sitzteppiche. »Wenn wir weiterkommen, so nur mit Hilfe dieser Sojoten.«
    Der Vorhang des Zeltes wurde wieder zur Seite geschoben. Der Greis kam herein, gefolgt von drei Frauen, die gebrannte Schüsseln und flache Eßschalen auf den Boden stellten. Hirsebrei und geröstetes Ziegenfleisch wurde hereingetragen. Der Alte hob einladend die Hand.
    »Eßt und trinkt. Und dann schlaft. Es wird euch keiner stören. Unsere Gäste sind wie unsere Brüder. Was man ihnen tut, tut man uns an. Übermorgen ziehen wir weiter.«
    Er verbeugte sich noch einmal, würdevoll und den Kopf tief neigend. Dann fiel der Vorhang hinter ihm zu.
    Natascha Trimofa tauchte die Hände in die Waschschüssel und rieb sich den Steppenschmutz ab. Da kein Handtuch vorhanden war, schlenkerte sie die Hände durch die Luft, bis sie trocken waren. Boris und Svetlana taten es ihr nach. Dann aßen sie, aber nach wenigen Bissen übermannte sie die Mattigkeit und die Anstrengung der wochenlangen Reise. Sie legten sich auf die Teppiche und schliefen ein, kaum daß sie lagen.
    Sie schliefen fast zwei Tage.
    Die erste, die erwachte, war Trimofa. Als sie sich aufrichtete, fielen ihre Blicke auf eine ältere Frau, die neben dem Zelteingang hockte und sie aus großen Augen anstarrte. Es war keine Sojotin. Sie hatte weder eine gelbe Haut, noch die vorstehenden Backenknochen oder die Fettpolster der Asiaten an den Augen.
    Natascha setzte sich. Boris und Svetlana schliefen noch. Sie lagen wieder aneinandergeschmiegt und schienen im Schlaf zu lächeln wie zwei glückliche Kinder.
    »Wer bist du?« fragte die Trimofa.
    »Die Frau des Noyon. Du bist eine Ärztin, sagte er mir. Du könntest mich heilen.«
    Sie beugte den Kopf vor und drehte sich zur Seite. Dort, wo sonst der untere Haaransatz ist, war der Hals kahlgeschoren. Inmitten dieser Tonsur hob sich ein brandrotes, ausgezacktes und dick gewölbtes Geschwür ab. Die Frau mußte seit Tagen furchtbare Schmerzen ausstehen. Aber sie klagte nicht, mit starrem Gesicht blickte sie zu Boden, als Natascha aufsprang und mit den Fingerspitzen das Geschwür umtastete.
    »Es ist ein Karbunkel, Noyona. Es muß sehr weh tun.«
    »Die irdischen Schmerzen sind nicht die schlimmsten«, sagte die Frau. »Kannst du mich heilen?«
    »Ich muß es aufschneiden.«
    »Dann tue es.«
    »Dazu brauche ich meinen Sattel. Ich habe die Instrumente in einer der Taschen.«
    »Man wird dir sofort alles bringen.«
    Die Frau erhob sich, verneigte sich und verließ das Zelt.
    Natascha Trimofa rüttelte Svetlana und Boris wach.
    »Aufstehen! He! Aufwachen!«
    Als die Frau des Noyon wieder in die Jurte trat, hinter sich zwei Sojoten, die Nataschas Sattel trugen, hatte sich die Trimofa schon einige Schüsseln mit heißem Wasser und große Leinentücher geben lassen, die sie als Kompressen benutzen wollte. Natascha tauchte sie bereits in das kochende Wasser.
    »Ich brauche einen Hocker«, sagte Natascha. Sie winkte der Frau und nahm aus der Satteltasche den länglichen Blechkasten mit dem Instrumentarium heraus. Sie klappte den Instrumentenkocher auf, legte einen Block Hartspiritus hinein und

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