Der Krieg, der viele Vaeter gatte
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Am 8. und am 17. Juli legen die Regierungen in Paris und London der in Moskau einen Vertragsentwurf vor, den die Russen allerdings erst akzeptieren, als ihnen Briten und Franzosen zusichern, in Militärverhandlungen über eine Kriegführung gegen Deutschland einzutreten. Zu der Zeit gibt es in Deutschland keine Pläne, gegen Frankreich, England oder Rußland Krieg zu führen. Am 24. Juli wird ein Französisch-Britisch-Sowjetisches Abkommen über militärische Zusammenarbeit paraphiert, jedoch nicht unterschrieben. Dadurch ist niemand endgültig gebunden, doch der Weg zu Verhandlungen der Generalstäbe der Briten, Franzosen und Sowjets ist damit geebnet.
Auch danach zieht die russische Führung ihre Fäden weiter in zwei verschiedene Richtungen. Am 4. August billigt Stalin ein von den Volkskommissariaten für Verteidigung und Äußeres erarbeitetes Dokument mit dem Titel „Vorstellungen zu den Verhandlungen mit England und Frankreich", das fünf verschiedene Möglichkeiten eines Aufmarsches mit bis zu 120 Heeresdivisionen gegen Deutschland vorsieht. 202
Am Tage daraufsucht der Geschäftsträger der sowjetischen Botschaft in Berlin Astachow den Vortragenden Legationsrat Schnurre im Auswärtigen Amt auf und übermittelt ihm von Außenminister Molotow in Moskau, daß die Sowjetunion an einer Normalisierung und Besserung der Beziehungen zu Deutschland interessiert sei. 203
Sowohl die Briten und Franzosen als auch die Deutschen bemühen sich nun weiter um die Hilfe der Sowjetunion.
Am 11. August treffen die Militärmissionen aus London und Paris in Moskau ein. 204
Am 13. beginnen die Gespräche. Die Engländer und Franzosen haben keine konkreten Vorstellungen nach Moskau mitgebracht, wie und mit welchen Kräften sie ihren Krieg gegen Deutschland führen könnten. Die sowjetischen Verhandlungspartner unter Marschall Woroschilows Leitung warten im Gegensatz dazu mit den fünf von Stalin gebilligten Aufmarschoptionen gegen Deutsch-
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ADAP, Serie D, Band VI, Dokument 215
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Maser, Seite 53
202
Maser, Seite 22
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Maser, Seite 75 und ADAP, Serie D, Band VI, Dokument 772
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Das Protokoll der nachfolgend geschilderten sowjetisch-französisch-britischen Militärverhandlungen ist einem Artikel der russischen Zeitung „Internationales Leben", Heft 3/1959, Seiten 139-158 (Moskau) entnommen. Siehe auch Benoist-Méchin, Band 7, Seiten 239 ff
land auf. Je nach Szenario bieten sie an, 70 bis 100% der Streitkräftemenge gegen Deutschland aufzubieten, die auch Briten und Franzosen vorgesehen haben. 205
Da ist die Rede von maximal 2 Millionen Mann und 102 sowjetischen Divisionen, von Angriffen gegen Ostpreussen und gegen Schlesien, von 5.500 Flugzeugen, von Bombern mit Reichweiten bis zu 4.000 Kilometern und außerdem vom Einsatz der sowjetischen Nordflotte und der Schwarzmeerflotte, um Deutschland von Erz- bis Ölimporten abzuschneiden. Das ist an Heereskräften das, was die Wehrmacht mit Reservedivisionen aufzubringen in der Lage ist und an Luftstreitkräften mehr als der deutsche Bestand an Frontflugzeugen. Deutschland geriete damit, wenn auch Rußland auf der Seite Polens stünde, in einer Auseinandersetzung um Danzig in einen Zweifrontenkrieg mit einer Unterlegenheit an Kräften im Verhältnis von 2,5 zu 1. Marschall Woroschilow kommentiert das gegenüber der britischen und der französischen Militärdelegation mit den Worten:
„ Die Operationen der sowjetischen Truppen gegen Ostpreußen und in Ga
lizien, und die Operationen Englands und Frankreichs im Westen würden
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das Ende Deutschlands bedeuten."
Wenn die Sowjetunion das Land Polen militärisch gegen Deutschland unterstützen sollte, müßten sowjetische Streitkräfte über polnisches Territorium marschieren dürfen. Polen befürchtet nun in Erinnerung an den alten Curzon-LinienStreit mit Rußland, daß aus dem Durchmarsch von Unterstützungstruppen unversehens eine russische Besetzung „Ostpolens" werden könnte. Die polnische Regierung verweigert demzufolge ihr Einverständnis zu einer solchen Allianz. Dies ist der eine Grund für das Scheitern der sowjetisch-französisch-britischen Gespräche. Der andere ist die Weigerung der englischen und der französischen Militärdelegationen, den Sowjets die eigene Waffenhilfe konkret zuzusagen. Die Franzosen wollen im Falle eines Krieges nur die eigenen Grenzen schützen und nicht, wie die Russen, in Deutschland einmarschieren, und der Leiter der englischen Delegation ist nicht mit einer
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