Der Medicus von Heidelberg
Seit gestern Abend liegt Doktor Silvanus darnieder. Wir mussten ihm nach Hause helfen. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Es wäre die Pest, sagte er, und er hätte nicht mehr lange zu leben.«
»Wollt Ihr nicht nach ihm sehen?«, fragte der Kleinere.
Damit hatten sie mich doch noch in Schwierigkeiten gebracht. Denn die Frage konnte ich schlecht mit nein beantworten. Also sagte ich: »Nun gut, führt mich zu ihm, vielleicht brauche ich eine helfende Hand.«
Sie geleiteten mich die Michaelisstraße hinunter, als hätte es nie ein Hundeverbot gegeben, und ich sah mit Belustigung, wie wichtig sie sich dabei nahmen. Nur gut, dachte ich, dass sie mein Gesicht unter der Maske nicht sehen können. Vor einem großen Fachwerkbau in unmittelbarer Nähe des Benediktsplatzes blieben sie stehen. »Da wären wir«, sagte der Größere.
»Braucht Ihr uns wirklich da drinnen?«, fragte der Kleinere. »Wir dürfen unseren Streifenweg eigentlich nicht verlassen, wir bekommen sonst …«
»Schon gut, geht nur«, sagte ich. Ich war froh, die beiden los zu sein.
»Viel Glück, Herr Doktor.« Sie schauten mich an. Offenbar wollten sie warten, bis ich ins Haus gegangen war. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit Schnapp durch die halb geöffnete Tür zu treten. »Heda!«, rief ich mit hohler Stimme, »ist da jemand?«
Wie sich herausstellte, war niemand im Haus. Die Situation erinnerte mich fatal an de Berkas Anwesen, das ich ähnlich verwaist vorgefunden hatte. Die Pest, so schien es, fegte alle Häuser leer.
Doktor Silvanus lag in einer geräumigen Bettnische, und alles sprach dafür, dass er in Ausübung seines Dienstes gestorben war. Denn er trug einen Pestmantel wie ich. Sein lichtstarrer Blick war zur Seite gewandt, dorthin, wo die Schnabelmaske lag, die er sich mit letzter Kraft abgenommen haben mochte. Um ganz sicherzugehen, dass meine Diagnose stimmte, zog ich ihm einen Lederhandschuh aus und prüfte den Puls. Dann hielt ich einen Finger an seine Halsschlagader. Nichts. Ich schlug den Mantel zurück, schob die Kleider auseinander und betrachtete den Leib. Neben den üblichen Pestmalen wies die Haut eine beginnende Marmorierung auf. Als hätte es eines letzten Beweises bedurft, hatte sich die Leichenstarre bereits vollständig ausgebildet, ein Anzeichen dafür, dass der arme Silvanus schon sechs oder acht Stunden tot war.
Hier kam jede Hilfe zu spät. Ich schlug das Kreuz, murmelte ein Vaterunser und machte mich davon.
Als ich mit Schnapp vor die Tür des Hauses trat, waren die Wachsoldaten zum Glück verschwunden. Ich konnte ungehindert den Markt ansteuern. Verwundert stellte ich fest, dass die Menschen, die mir vermehrt entgegenkamen, fast ehrerbietig Platz machten. Dann fiel mir mein Aufzug wieder ein. Es war schon erstaunlich, was Pestmaske und Pestmantel bewirkten.
Vestis virum reddit,
die Kleidung macht den Mann!
Rasch eilte ich weiter zu den wenigen Verkaufsständen, um Essbares für de Berka, Schnapp und mich zu erstehen. Doch schon von weitem hörte ich, dass dort etwas nicht stimmte. Lautes Geschrei zweier erbittert Streitender übertönte die üblichen Marktgeräusche. »Gebt mir mein Geld zurück, sofort!«, erklang es schrill.
»Niemals!« Die Stimme gehörte einem bulligen Mann, der auf einer flachgelegten Tür ein Sammelsurium seltsamster Gegenstände feilbot. Ich erkannte Amulette und Talismane wie Hufeisen, Mistelzweige, Fliegenpilze, Skarabäen und Gottestropfen, darunter die legendenumwobenen Tropfen des Fruchtwassers der heiligen Mutter Maria – ohne Ausnahme nutzloses und unechtes Zeug. Kein Zweifel: Bei dem Bulligen handelte es sich um einen der vielen Schwindler, die sich die Angst vor der Pest zunutze machten, Heilung versprachen und den Verzweifelten für teures Geld ihren Tand verkauften.
»Da hast du deinen vermaledeiten Glücksstein wieder! Einen halben Gulden hast du mir dafür abgeluchst, und trotzdem ist mein Lauritz elend krepiert. Ach, mein armer Mann …« Weinend brach ein altes Mütterchen zusammen. Sie wurde von einigen der Umstehenden gestützt. Des Volkes Zorn richtete sich gegen den Bulligen. »Gib das Geld wieder heraus!«, erklang es von verschiedenen Seiten.
»Niemals!« Der Bullige blieb ungerührt. »Der Stein muss um Mitternacht bei Vollmond aufs Herz des Kranken gelegt werden, dazu sollen drei Ave-Maria gebetet werden, sonst nützt er nichts. Das habe ich von vornherein gesagt.«
»Nichts davon hast du gesagt.« Die alte Frau weinte jetzt
Weitere Kostenlose Bücher