Der Medicus von Heidelberg
das Ganze mit Wasser und wartete, bis die Oberfläche Blasen schlug.
Mit der heißen Suppe eilte ich zurück zu meinem Patienten. De Berka schlief. Darum stellte ich die Schüssel zur Seite und setzte mich neben ihn. Um mir die Zeit zu vertreiben, griff ich zur Pestlektüre der vergangenen Nacht. Doch sosehr ich auch suchte, ich fand nichts Hilfreiches darin, nur Absonderliches. Man solle das Bett des Kranken erhöhen, hieß es, damit er so nahe wie möglich unter der Zimmerdecke läge. Nur so sei er geschützt vor den am Boden kriechenden, unsichtbaren Miasmenschwaden. Man solle für den Kranken ein Zimmer wählen, dessen Fenster nach Norden ausgerichtet seien, da von Süden pesthaltige Luft durch die Hausöffnungen hereinwehen könnte, man solle das Krankenzimmer mit Weihrauch ausräuchern und sämtliche Flächen mit Essigwasser besprühen, man solle kochendes Wasser in ein Silbergefäß gießen und davon trinken, das sei das sicherste Mittel, um nicht selbst von der Krankheit geschlagen zu werden, und derlei mehr. Die Verworrenheit der Ratschläge ermüdete mich. Mir fielen die Augen zu. Mein Körper forderte sein Recht.
Als ich erwachte, war es später Nachmittag. Ich hatte mehrere Stunden geschlafen. Der Kranke atmete rasselnd. Er schien nicht bei Bewusstsein. Vorsichtig schlug ich die Decke zurück und untersuchte seinen Leib. Wie befürchtet, hatten sich neue Bubonen gebildet, auch an den Leisten. Der ganze Körper war nun befallen. Es schien ein aussichtsloser Kampf zu sein. Doch ich wollte nicht aufgeben. Ich musste kämpfen. Das war ich de Berka schuldig, das war ich mir selbst schuldig, das war ich der Medizin schuldig.
De Berka erwachte. Er starrte mich aus leeren Augen an und sagte nichts. Da ich ihm die Anstrengung einer Unterhaltung ersparen wollte, flößte ich ihm ohne weitere Worte von der Suppe ein. Sie war längst kalt, aber immer noch besser als nichts. Während ich ihm Löffel für Löffel in den Mund schob, musste ich mich beherrschen, um nicht zu erbrechen, denn seine Zunge hatte einen schwarzfauligen Belag, der wie verwesendes Vieh roch.
Schnapp winselte. Ich kannte diesen Laut und wusste, was er bedeutete. »Komm, mein Großer, wir gehen rasch auf die Straße«, sagte ich. Und zu de Berka: »Wir sind gleich zurück, Herr Professor.«
Doch kaum hatte Schnapp sich am Wegrand erleichtert, tauchten wieder zwei Wachsoldaten auf. Andere als beim ersten Mal, doch im Gehabe nicht weniger streng. »Das ist schon der vierte oder fünfte streunende Hund, den wir auf unserer Streife antreffen«, sagten sie vorwurfsvoll.
Ich entgegnete, der Hund streune nicht, er gehöre mir. Im Übrigen habe er lediglich sein Geschäft gemacht. Am äußersten Rand, hinter einem Gesträuch. Das sei ja wohl noch erlaubt.
»Ja, aber nicht auf der Straße«, belehrte mich der eine. »Hunde auf der Straße sind verboten. Befehl des Rates der Stadt Erfurt.«
»Das mag sein«, versetzte ich ärgerlich. »Hat der Rat auch verfügt, wo ein Hund sich entleeren darf, wenn nicht auf der Straße? Im eigenen Haus etwa?«
»Das ist Euer Problem«, sagte der andere. »Jedenfalls nicht auf der Straße.«
Sie gingen weiter, nicht ohne sich ein- oder zweimal umzusehen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mit Schnapp den Rückzug anzutreten. Wieder im Haus, ging ich mit ihm nach hinten auf den Hof, denn ich wusste, sein großes Geschäft war erledigt, das kleine jedoch nicht. Schnapp schnüffelte in allen Ecken, hob auch hier und da das Bein, aber zu meinem Verdruss machte er nichts. »Komm schon, mein Großer, gib dir ein bisschen Mühe.« Aber Schnapp, mein großer Schnapp, hörte nicht auf mich. Ich redete mit Engelszungen auf ihn ein, doch es war vergeblich. Wahrscheinlich dachte er, der Hof gehöre zum Haus und sei somit verbotenes Gebiet.
Während ich noch auf ihn einredete, hörte ich plötzlich schwache Rufe aus dem Inneren des Gebäudes. Ich lief hinein. De Berka lag in seltsam gekrümmter Haltung auf seinem Bett. Zu seinem Fieber waren neue Schmerzen gekommen. Ich vermutete, zusammen mit den frisch gewachsenen Bubonen in der Leiste. Ich verabreichte ihm eine Dosis von dem Laudanum – diesmal eine kleinere, denn der Vorrat ging allmählich zur Neige – und beschloss, die Pestbeulen sofort zu öffnen. Ich hatte schon etwas Übung darin, so dass der Eingriff rascher vonstattenging als zuvor. Anschließend verband ich die Wunden und sah mich erneut gezwungen, das Bettzeug zu wechseln. Danach schob ich meinem Patienten
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