Der Medicus von Heidelberg
eine flache Schüssel unter das Gesäß, damit weitere Missgeschicke aufgefangen werden konnten. Er ließ all das mit sich geschehen, ohne ein Wort zu sagen, wirkte teilnahmslos wie tot. Sein einziges Lebenszeichen war das Fieber, das in ihm tobte. Ich machte ihm kalte Wadenwickel und sprach beruhigend auf ihn ein. Ob er mich hörte, weiß ich nicht.
Ich teilte mir den Rest der Suppe mit Schnapp und setzte mich in meine Stuhlkonstruktion. Zum Lesen war ich zu müde. Ich betete für de Berkas Genesung und für meine Gesundheit, doch ich hatte das bestimmte Gefühl, es sei umsonst. Mein Patient lag im Sterben, und ich fühlte mich, als könne ich mich gleich dazulegen. Dann schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, der mich gleichermaßen erleichterte und erschreckte. Morgen, überlegte ich, würde ich nicht mehr zum Markt gehen müssen, denn morgen würde de Berka tot sein. Und ich vielleicht auch.
Doch der Montagmorgen kam, und de Berka lebte immer noch. Allerdings hatte ich Mühe, das festzustellen, denn er lag da wie entseelt. Nur seine Augen, die meine Bewegungen verfolgten, sagten mir, dass ich weiter für ihn kämpfen müsse. Ich tupfte ihm die fieberheiße Stirn ab, leerte die Schüssel unter ihm und flößte ihm neues, frisches Brunnenwasser ein. Er trank nicht viel, ich glaube, er war sogar zum Trinken zu schwach. Ein prüfender Blick auf seinen Leib sagte mir, dass keine neuen Bubonen herangewachsen waren. Ein wenig Glück im großen Unglück.
Der kleine Lichtblick jedoch wurde sofort getrübt, da Schnapp einen See unter das Bett gemacht hatte. Im ersten Augenblick wollte ich ihn schelten, denn seit seiner Welpenzeit war so etwas noch nie passiert. Doch wo sonst hätte mein braver Hund hinmachen sollen? Es im Hof zu erledigen, traute er sich nicht, und auf die Straße durfte er nicht. Ich wischte das Missgeschick fort, war mir aber im Klaren darüber, dass damit das Problem nicht aus der Welt war. Es würde jeden Tag mehrmals wieder auftreten.
Was kann ich tun?, fragte ich mich. Es muss doch eine Möglichkeit geben, mit meinem Hund auf die Straße gehen zu dürfen! Was machen denn andere Besitzer von Tieren? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass es so nicht weiterging.
Und dann hatte ich einen Einfall.
Er war so kühn, dass ich ihn sofort wieder verwarf. Aber er kam wieder, immer wieder, und irgendwann dachte ich: Warum eigentlich nicht. Ich habe nichts zu verlieren. Die Krankenhäuser sind voll und die Gefängnisse sicher auch, denn in diesen Zeiten, wo alles drunter und drüber geht, wird noch mehr gestohlen als sonst.
Ich ging in de Berkas Behandlungsraum, trat vor den Eckschrank und öffnete ihn. Der Pestmantel hing da. Im Halbdunkel des Schranks erinnerte er mich an eine Vogelscheuche. »Auf Schönheit kommt es nicht an«, murmelte ich. »Der Zweck heiligt die Mittel.« Ich stieg in die Lederstiefel, die etwas zu groß waren. »Immer noch besser als zu klein.« Ich zog den Mantel an und danach die Handschuhe. »Das alles ist schwerer, als ich dachte.« Ich setzte mir die Maske auf und klemmte mir zum Abschluss den Stock unter die Achsel. So gestiefelt und gespornt, rief ich meinen braven Schnapp herbei, der sofort kam, dann aber wie angewurzelt stehen blieb und zu knurren begann.
»Ich bin es doch, mein Großer«, sagte ich begütigend. Meine Stimme klang unter der Maske merkwürdig hohl. Das Kräuterbüschel im Schnabel, das Schutz gegen Pestdünste bieten sollte, kitzelte in der Nase. Es roch schwach nach Tanne und Minze. »Komm, wir gehen spazieren.«
Das ließ Schnapp sich nicht zweimal sagen. Das Wort »spazieren« gehörte zu seinen Lieblingswörtern. Wir verließen das Haus und betraten die Pergamentergasse. Seltsam leer war die Stadt. Die wenigen Menschen, die uns begegneten, streiften uns mit scheuen Blicken. Das war mir nur recht. Ich hatte kein Interesse an Gesprächen, ich wollte lediglich, dass Schnapp nicht länger einhalten musste. Und ich wollte zum Markt am Benediktsplatz.
Als Schnapp und ich nach rechts in die Michaelisstraße abbogen, geschah das, was ich am liebsten vermieden hätte. Doch es war wie verhext. Abermals kamen mir zwei Wachsoldaten entgegen. Beide kannte ich nicht, aber ich wusste, was sie als Erstes sagen würden. Ich blieb stehen, nahm Schnapp an die Leine und wappnete mich. Sie machten ebenfalls halt. Und dann sagte der Größere von beiden: »Guten Tag, Herr Doktor, Euch schickt der Himmel.«
»Äh, wie?«, stotterte ich.
»Wisst Ihr es denn noch nicht?
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