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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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Stiefmutter und das meines Bruders Elias. Ein Medicus hätte das Skalpell wohl als Allerletzter in die Hand genommen, und genau so einer will ich nicht werden.«
    »Das glaube ich dir. Du wirst nie ein Drückeberger sein.«
    Ich strich Odilie eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sagte: »Du machst mir Mut. Sobald die verstümmelte Hand geheilt ist, werde ich üben, was mit den verbliebenen Fingern noch möglich ist. Notfalls muss ich mich daran gewöhnen, mit links zu schreiben und zu arbeiten. Aber das werden wir sehen. Wollen wir weiter?«
    »Warte.« Odilie griff in die Weidenkiepe und holte Brot und ein dickes Stück Rauchspeck hervor. »Lass uns vorher etwas essen.«
    »Nanu, woher hast du die Speise?«
    »Ich habe sie mir genommen.«
    »Du hast sie der Firnhaberin gestohlen? So kenne ich dich ja gar nicht.«
    Odilie schürzte trotzig die Lippen. »Die Firnhaberin hat mir für das Bereitstellen der Gesindekammer und das bisschen Brühe dein ganzes bei Ysengard verdientes Geld abgenommen. Der reine Wucher war das. Ich habe nur für ausgleichende Gerechtigkeit gesorgt. Und nun iss.«
    Wir ließen es uns schmecken, und auch Schnapp bekam seinen Teil ab. Danach standen wir auf. Bevor wir weiterzogen, schulterte ich die Kiepe, denn ich fühlte mich wieder stark genug dazu. Ich hoffte auf irgendein Zeichen, das uns aus dem Wald herausführen würde, und tatsächlich war das Glück uns nach einiger Zeit hold. Ein kleiner, quellklarer Wasserlauf kreuzte unseren Weg. Odilie fragte: »Ist das die Elsenz?«
    »Nein«, antwortete ich. »Dafür ist der Bach zu schmal. Aber er dürfte in die Elsenz fließen. Wir müssen ihm einfach nur folgen.«
    Wir tranken von dem herrlich frischen Nass und setzten unseren Marsch fort. Wie vermutet, gelangten wir nach einer weiteren Stunde an den Rand des Waldes. Die Bäume wurden lichter. In einiger Entfernung sahen wir, wie unser Bach in einen größeren Fluss mündete. »Das wird die Elsenz sein«, sagte ich. »Jetzt müssen wir nur noch die Richtung einschlagen, in die das Wasser fließt, dann kommen wir wie von selbst zum Neckar.«
    Doch bevor wir weitergingen, rief ich Schnapp zu mir und bat Odilie, sie möge für ihn ein Halsband mit Schnur knüpfen, denn ich wollte verhindern, dass er in seiner stürmischen Art an fremden Menschen hochsprang. Schnapp war zunächst nicht einverstanden mit dieser Einengung seiner Freiheit, doch nachdem ihm klargeworden war, dass alles Zerren und Ziehen nichts nützte, fügte er sich in die neue Situation.
    Als wir die Elsenz erreicht hatten, entdeckten wir einen breiten Weg, der parallel zum Fluss verlief. Wir schritten rüstig darauf aus, denn ich hatte die Absicht, Heidelberg noch am selben Tag zu erreichen.
    Je näher wir der Stadt kamen, desto mehr Menschen begegneten uns. Jeder schien es eilig zu haben, ob zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Wagen. Wir sahen Marktfrauen, die Körbe voller schnatternder junger Gössel trugen, Tagelöhner mit Frau und Kind, die ihre ganze Habe mit Tragegestellen auf dem Rücken transportierten, Bauern, die Jauche auf die Felder fuhren, vornehme Bürger hoch zu Ross, Studenten, Weingärtner und so manchen Handwerksburschen mit dem Wanderstab in der Hand. Irgendwann stob eine Gruppe Reiter auf uns zu, von denen jeder – ich sah es mit Schrecken – das kurfürstliche Wappen mit den zwei goldenen rotgekrönten Löwen auf der Brust trug. Odilie dachte dasselbe wie ich und rief: »Das muss ein Suchtrupp meines Vaters sein!«
    »Du hast recht.« Im letzten Augenblick gelang es mir, Odilie mit meinem Körper zu verdecken. »Um Gottes willen, beweg dich nicht!« Die Reiter preschten vorbei.
    »Puh, das ist noch einmal gutgegangen!« Odilie atmete auf. »Sollen wir nicht lieber zurücklaufen und uns im Wald verstecken?«
    »Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Das wäre vergeblich. Früher oder später würden sie uns finden. Unsere einzige Möglichkeit ist, rasch weiterzumarschieren und vor ihnen in Heidelberg zu sein. Besser, du ziehst ab jetzt deine Haube tiefer ins Gesicht, damit man dich auf keinen Fall erkennt.«
    Bis zum Neckar und den Ausläufern der Stadt, so schätzte ich, waren es noch eine oder zwei Stunden Weges. Wenn alles gutging, würden wir am frühen Nachmittag in Heidelberg sein. Doch als die Wehrmauer und die Türme der Stadt in Sichtweite kamen, ereignete sich etwas, das unseren Plan um ein Haar zunichtegemacht hätte. Ein hochaufgeschossener Kerl überholte uns mit großen Schritten, wurde von Schnapp

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