Der Medicus von Heidelberg
überhaupt jemals aufwacht. Wir sagen der Kleinen, wir hätten gehört, dass ihr Vater sich vor Sorge verzehrt, und ich biete ihr an, sie gleich morgen früh nach Heidelberg zu bringen. Lukas bleibt hier, und du kümmerst dich um ihn.«
»Und was ist mit dem Geld?«
»Ich bringe dir die Hälfte auf dem Rückweg vorbei.«
»Warum machen wir es nicht umgekehrt? Du bleibst bei Lukas, und ich gehe mit Odilie.«
»Mich kennt sie besser. Sie vertraut mir.«
»Aber du bist die Heilkundige. Es wäre glaubwürdiger, wenn du bliebest.«
»Ich habe sowieso noch ein paar Dinge in Heidelberg zu erledigen.«
»Davon war vorhin aber noch keine Rede …«
Den Rest der Unterhaltung hörten Odilie und ich nicht mehr, denn wir machten uns davon. Wir liefen, so schnell es mein geschwächter Zustand erlaubte, in den angrenzenden Wald und machten erst halt, als wir sicher waren, von niemandem mehr entdeckt werden zu können. Völlig erschöpft ließen wir uns auf einem umgefallenen Baumstumpf nieder. Doch sowie Odilie wieder zu Atem gekommen war, rief sie voller Zorn: »Diese heimtückischen Weiber! Sie wollen dich um die Belohnung bringen. Wenn jemandem das Geld zusteht, dann dir.«
Ich schwieg dazu, denn die Belohnung war mir ziemlich einerlei. Viel wichtiger schienen mir die Umstände zu sein, die sich mit ihr verbanden. Sie bedeuteten, dass meine heimliche Hoffnung, Odilie mit nach Erfurt zu nehmen, auf keinen Fall Wirklichkeit werden konnte. Denn bei der ungeheuren Summe würde jedermanns Auge geschärft sein und meine kleine Prinzessin früher oder später an meiner Seite erkannt werden. Damit nicht genug, würde man mich der Entführung bezichtigen und anschließend vierteilen oder aufs Rad binden lassen. Ob ich wollte oder nicht: Die Entwicklung der Dinge hatte dafür gesorgt, dass ich Odilie nach Heidelberg bringen musste. Ganz so, wie es geplant war, bevor wir uns verliebt hatten.
Doch in Heidelberg, das wusste ich, würde unsere Liebe zum Scheitern verurteilt sein. Dafür würden der Kurfürst und der Bräutigam schon sorgen. Ein kleiner Magister war nicht standesgemäß für eine Prinzessin. Da konnte die Liebe noch so groß sein.
»Lukas, was ist dir? Du schaust so seltsam drein?«
»Ach nichts. Ich habe nur nachgedacht.«
»Sag mir, was dich bewegt.«
Ich seufzte und erzählte es ihr, denn ich wollte keine Geheimnisse vor ihr haben. Als ich fertig war, senkte sie den Kopf, und ihre Schultern begannen zu zucken.
»Um Gottes willen, bitte, weine jetzt nicht. Es ist doch alles schon schlimm genug.«
Sie schniefte und wischte sich die Tränen mit dem Handrücken ab. »Ja«, sagte sie, »ich will nicht weinen. Aber es ist alles so … aussichtslos, so ungerecht!«
»Ich fürchte, so ist die Welt.«
»Ich pfeife auf diese Welt!«
Ich nahm sie in den Arm und wiegte sie wie ein Kind. Nach einiger Zeit beruhigte sie sich. Sie legte ihren Kopf an meine Wange und sagte: »Am liebsten würde ich mich umbringen. Wenn du mich nicht haben darfst, dann soll mich keiner haben.«
Ich blieb die Antwort schuldig, denn wir wussten beide, dass niemandem mit ihrem Tod geholfen war. »Wir werden die Nacht über im Wald bleiben und uns verstecken. Die beiden Frauen kriegen es fertig und lassen nach uns suchen.«
»Ja, wir bleiben im Wald«, sagte Odilie tapfer. Und dann stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. »Es wäre ja nicht das erste Mal.«
Mitten in der Nacht wurde ich wach, denn ich hatte das Gefühl, jemand habe an meinen Kleidern gezerrt. Meine Hand tastete zu Odilie hinüber. »Odilie?«, flüsterte ich. »Warst du das?« Doch ich bekam keine Antwort. Sie schlief tief und fest. Ihre Atemzüge bewiesen es. Handelte es sich um einen Verfolger, der von den geldgierigen Frauen losgeschickt worden war? Ich blinzelte, aber ich konnte nichts sehen. Es war stockdunkel. Mach dich nicht verrückt, sagte ich mir. In der Nacht bildet man sich mancherlei ein, was sich bei Tageslicht als völlig harmlos herausstellt. Verhalte dich ruhig.
Und dann, wie aus dem Nichts, zerrte wieder jemand an meiner Hose, und dieses Mal musste ich nicht lange raten, wer das war, denn ein freudiges Winseln begleitete das Zerren, und es war ein Winseln, das ich nur zu gut kannte. »Schnapp!«, flüsterte ich und spürte seine feuchte Zunge im Gesicht. »Schnapp, wo warst du nur die ganze Zeit? Hat dich die böse Bäuerin verjagt, mein Armer? Geht es dir gut? Du hast doch sicher nichts gefressen? Glaub mir, ich wollte dich suchen, aber es ging
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