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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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fröhlich angebellt und blieb stehen. Er hatte ein freundliches, wenn auch etwas dümmliches Gesicht und war beladen wie ein Packesel mit Hausrat aller Art. »Eine so nette Begrüßung würde ich mir vor jeder Haustür wünschen!«, rief er mit seltsam tiefer Stimme. »Dann würde ich mehr verkaufen. Ihr seid doch auch auf dem Weg nach Heidelberg, oder?«
    Die Frage war überflüssig, da die Straße bis zur Stadt keine Abzweigung mehr aufwies, aber ich antwortete: »So ist es.«
    »Ihr braucht nicht zufällig Salz, Seife, Siebe, Senkel, Socken, Spitzen, Saumstücke oder Stoffreste? Tillman Jenisch hat alles, was das Herz begehrt. Nur Singvögel nicht, die gehen erst später im Jahr auf den Leim.«
    »Danke, wir haben alles, was wir brauchen«, sagte ich, während Odilie sich bückte und mit Schnapp beschäftigte, damit ihr Gesicht nicht zu sehen war.
    »Jaja, das höre ich nur allzu häufig. Die Heidelberger Hausfrau würde am liebsten jeden Pfennig spalten, wenn es denn ginge und sie nicht gerade was anderes zu tun hätte. Seit Wochen zerreißt sie sich das Maul, weil Odilie, die Tochter vom Aufrichtigen Philipp, verschwunden ist. Manche meinen, sie wär mit einem unbekannten Edelmann durchgebrannt, weil ihr Versprochener so hässlich ist, andere glauben, man hätte sie ins Kloster gesteckt, weil sie so hochnäsig ist und Demut üben soll, und wieder andere schwören Stein und Bein, sie wär schon immer ein Bastard gewesen und Philipp hätte sie verstoßen. Jaja, so hat jeder seine Meinung. Und jetzt, mein Freund, sag ich dir, was ich glaube …« Jenisch beugte sich zu mir vor und senkte verschwörerisch die Stimme. »Ich glaube, sie ist tot. Abgemurkst haben sie sie. Sonst wär sie doch längst wieder aufgetaucht, oder?«
    Da ich nicht antwortete, sprach er weiter: »Du hast von der Sache gehört, oder?«
    »Am Rande, ja.«
    »Die finden sie nicht. In solchen Sachen irrt Tillmann Jenisch nie. Ich sag dir was, mein Freund. Ich hör die Flöhe an der Wand husten, weil ich so viel rumkomm, aber ich hab nichts gehört. Die finden sie nicht.«
    »Wenn du meinst.«
    »Das mein ich! Da nützen die ganzen Plakate in der Stadt nichts, und die Beschreibung von dem, was sie anhat, auch nichts. Sie soll ja zuletzt so ein einfaches blaues Kittelkleid getragen haben und … nanu?« Jenisch stutzte und riss die Augen auf. Erst jetzt schien er zu bemerken, was Odilie anhatte.
    Bevor er weiterreden konnte, schlug ich ihm auf die Schulter und fing lauthals an zu lachen. »Hahaha, das ist lustig!«, rief ich und hoffte gleichzeitig, dass die Angst in meiner Stimme nicht durchklang. »Lass mich raten, was du denkst. Du denkst, dass mein Weib diese Odilie ist, hahaha! Welch köstlicher Spaß!«
    Jenisch fiel zögernd in mein Lachen ein. »Tja, das hab ich doch tatsächlich für einen Moment geglaubt … na, sei’s drum. Wahrscheinlich gibt’s tausend blaue Kittelkleider in diesem Land.«
    »Du sagst es. Wir jedenfalls sind schon drei Jahre verheiratet, was, Martha!« Ich schlug Odilie wie einem Gaul kräftig auf die Hinterbacken.
    »Autsch, lass das!«, rief Odilie empört und musste sich dabei nicht einmal verstellen.
    »Wenn ihr mir nichts abkauft, muss ich weiter.« Jenisch hatte es plötzlich eilig. »Will heute noch am Kornmarkt von Haus zu Haus ziehen. Ist ein gutes Revier für Leute wie mich. Gott befohlen.«
    Wir blickten ihm hinterher, wie er unter Geklirr und Geklapper mit raumgreifenden Schritten davoneilte. »Das war knapp«, sagte ich. »Entschuldige, dass ich dich geschlagen habe, ich dachte, es würde echt wirken.«
    »Das hat es. Es zwickt noch jetzt.«
    »Entschuldige«, sagte ich abermals und umarmte Odilie. »Ich versichere dir hoch und heilig, dass ich dich nie wieder schlagen werde.«
    »Das weiß ich doch«, sagte sie lächelnd und schloss die Augen.
    Ich küsste sie. »Ich gehöre zu dir, und du gehörst zu mir. Das wird immer so sein. Da mag kommen, was will.«
    »Das hast du schön gesagt.« Odilies Augen füllten sich mit Tränen.
    »Bitte weine jetzt nicht.«
    »Ich weine nicht, ich bin glücklich.« Sie küsste mich wieder, unendlich sanft.
    Ich bin sicher, in jenem Augenblick dachten wir beide an unsere bevorstehende Trennung, die so unausweichlich schien wie die Nacht, die auf den Tag folgt. Doch wir wollten sie nicht wahrhaben. Wir wollten den einzigartigen Augenblick festhalten und vergaßen die Welt, weil wir die Welt vergessen wollten.
    Erst das Lachen einiger Vorbeigehenden und der gutmütige

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