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Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)

Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)

Titel: Der Name der Finsternis: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Franz Binder
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Menschen war, die sich ihnen durch die gezierten
    Gebärden der Mädchen mitteilte.
    Abrupt brach der Gesang der Frauen ab. Die kindlichen Tänzerinnen hielten mitten in einer Bewegung inne und stürzten wie tot zu Boden. Zwei Frauen kamen
    hinzu, stützten die leblosen Geschöpfe, der Brahmane sprach Gebete über sie, besprengte sie mit geweihtem Wasser. Alles vollzog sich in gelassener Ruhe und
    Konzentration. Die Mädchen erwachten wie aus tiefem Schlaf, blickten erstaunt um sich. Sie wussten nicht, was ihnen geschehen war. Indes schütteten junge
    Männer aus rasch herbeigeschafften Säcken Kokosnussschalen auf den Platz vor dem Tempeltor und setzten sie in Brand. Im Nu loderte ein Feuer auf, das
    schnell zu wabernder Glut zusammensank. Wellen von Hitze drängten die Zuschauer zurück. Aron fühlte sich aufgelöst zwischen den Menschen, die ihn nicht
    mehr beachteten, obwohl er die Balinesen um Haupteslänge überragte. Irgendwo in der Menge sah Aron das Gesicht Marks. Es schien zu leuchten in der
    Dunkelheit. Judith war nirgendwo zu entdecken. Die Menschen schienen von der Trance der Mädchen angesteckt. Sie drängten sich um die Glut, die Stürme
    prasselnder Funken in den Nachthimmel schleuderte. Wie hypnotisiert starrte Aron in das zuckende Rot des Feuers. Die Erregung, die alle Menschen auf dem
    Tempelplatz ergriffen hatte, war auch in ihn gefahren, wühlte ihn auf, schien ihm den Atem zu nehmen. Für Augenblicke vergaß er, wo er sich befand, ließ
    sich willenlos treiben im Gedränge der schwitzenden Leiber, die immer enger zusammenzurücken schienen, glaubte, nach allen Seiten aus seinem Körper zu
    fließen. Irgendwo begann ein Chor von Männern mit abgehackten Rufen: Tschak, Tschak, Tschak, Tschak! Bald schmolz das Hervorbellen der harten Silben in
    einen Fluss rhythmischer Muster, anschwellend und wieder verebbend, unterbrochen von Pausen, in denen die Stimmen in einem Seufzen in sich zusammensanken,
    um gleich darauf ihren treibenden Pulsschlag neu aufzunehmen. Aron wollte seinen Atem, seinen Herzschlag besänftigen, sang im Stillen das Hju, doch der
    Anblick der Glut, der aufzüngelnden Flammen bannte ihn, ließ ihn vergessen, was er je in den Schulungen und Kursen der Liga gelernt. Ein Aufschrei ging
    durch die Menge. Ein nur mit schmalem Lendentuch bekleideter Mann sprang mit ruckigen Bewegungen die Stufen des Tempels herunter. Er trug einen Stab bei
    sich, ritt auf ihm, jagte in rasendem Tanz um das Feuer, getrieben vom immer schneller werdenden Rhythmus des Chores. Tschak, Tschak, Tschak, Tschak – wie
    Stockschläge trommelten die Stimmen. Der Mann wand sich in seinem Tanz, den Mund geöffnet, den Blick starr im Nirgendwo verloren. Aron spürte, wie auch die
    Menschen um ihn in Trance fielen, wie diese Klänge, dieser Rhythmus den Tempelplatz mit bebender Kraft überzogen. Aron konnte den Blick nicht vom Feuer
    wenden. Es zog ihn an mit magischer Macht, die ihn auseinanderzureißen drohte. Er wand sich in der Umklammerung der Menschenmenge, fühlte, wie sich seine
    Lebenskraft an der Brust zusammenzog, aus dem Körper weichen wollte. Der Chor der Stimmen, das Krachen und Prasseln der Glut, die ächzenden Laute, die die
    Menschen neben ihm ausstießen, mischte sich zu einem in weiten Räumen hallenden Rauschen, zu einem Sog von Tönen, der sich hinter seiner Stirn zu drehen
    begann. Todesangst fiel ihn an. Mit verzweifelter Mühe zwang er sein Bewusstsein zurück in den schweißgebadeten Körper, der haltlos hin und her trieb. Der
    Tänzer sprang in die Glut, watete in ihr, drehte sich, stieß brennende Stücke wie Kometen von sich, den zurückweichenden Zuschauern entgegen. Er tanzte im
    Feuer, riss sein hölzernes Pferd herum, ritt es wild durch die Glut. Seine nackten Füße versanken tief in dem rot glühenden, flackernden Meer. Aron spürte
    einen Stich im Herzen, als er einem hochgischtenden Funkenregen nachblickte, der am Nachthimmel verlöschte. Er schloss die Augen, um die Kraft abzuwehren,
    die aus diesen Bildern nach ihm fasste, doch die tobende Glut stand nun auch vor seiner inneren Sicht, hüllte ihn ein, griff nach ihm, um ihn zu
    verbrennen, zu vernichten.
    Aron spürte kaum, dass seine Knie weich nachgaben. Er fiel. Noch einmal öffnete er die Lider, sah ein Gewirr von Beinen und Füßen unmittelbar vor sich, vom
    Widerschein des Feuers und unzähligen huschenden Schatten bewegt, bevor jäh herabfallendes Dunkel alle Empfindung in ihm auslöschte.
Kapitel 9
Das gelbe Buch IV
    Die

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