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Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)

Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)

Titel: Der Name der Finsternis: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Franz Binder
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Baches. Nachmittagslicht überflutete das Land mit goldenem Glanz. Das Grün der Blätter schien von innen zu leuchten. In der Ferne zog eine
    Gruppe von Bauern dem Dorf zu. Sie schritten auf Dämmen zwischen überfluteten, wie Spiegel glänzenden Feldern dahin. Andere standen gebückt im Wasser und
    pflanzten Schösslinge. Der Wind trug Bruchstücke monotoner Lieder heran. Aron sog die Eindrücke dieses Augenblicks in sich auf. Dies war das Bali, wie Ben
    es in seinem Brief beschrieben hatte. Bitterkeit krampfte sich in ihm zusammen, als er an den toten Freund dachte.
    In Serpentinen stiegen sie zum Bach hinunter. Bald tauchten die Wanderer in den Schatten des Waldes am Talgrund ein. Sie folgten dem Wasserlauf bergan in
    das sich verengende Tal. Neben dem über große Felsbrocken schäumenden Bach, verborgen in einer Senke, unter dem Gewirr von Blattwerk und Luftwurzeln,
    entdeckte Mark eine in Stein gefasste Quelle, aus der Wasser in drei kräftigen Strahlen hervortrat, sich in einem Becken sammelte, bevor es dem Bach
    zufloss. Er wollte hinuntersteigen, um sich zu erfrischen.
    Der junge Führer warf I Gede einen erschrockenen Blick zu.
    I Gede hielt Mark am Arm zurück. „Heiliger Ort.“
    Das Kreischen einer Affenhorde in den Baumkronen lenkte die Aufmerksamkeit ab. Eine Rotte junger Tiere balgte sich um eine Frucht, die schließlich dumpf zu
    Boden platschte.
    „Nicht mehr weit. Dann Tee trinken,“ sagte I Gede und zeigte auf Madé, der eilig weitergegangen war.
    Sie überquerten den Bach und folgten dem Weg am anderen Ufer bergauf. Der Hang wurde sanfter und öffnete sich schließlich in eine Ebene, auf der ein Dorf
    lag, wenige von Steinmauern umfasste Gehöfte und Tempel, die von einem breiten Hauptweg geteilt waren.
    Sie waren nicht länger als zwei Stunden gewandert und doch schien es Aron, als sei es ein Übergang in eine andere Welt, eine andere Zeit gewesen. Die
    Straße war mit schmalen Bannern und Strohgehängen geschmückt. Über die Steinmauern der Tempel ragten Fahnen, Bänder und bunte Schirme. Das Dorf aber schien
    von allen Menschen verlassen.
    Sie wurden im schattenkühlen Hof eines Hauses mit Tee bewirtet. Madé trug ihnen auf. Er schien hier zu Hause. Judith wollte ihm Geld zustecken, der Junge
    aber lehnte empört ab, nahm die Scheine erst nach heftigem Zureden I Gedes, bedankte sich umständlich und schien danach noch scheuer und unzugänglicher.
    Kurz vor Sonnenuntergang traten sie auf die Straße hinaus, auf der nun reges Treiben herrschte. Kinder rannten herbei, um die Gäste zu bestaunen, Gruppen
    von Männern plauderten an den Wegkreuzungen und Frauen in feierlichen Sarongs strebten einem Platz am Ende der Straße zu. Die Frauen balancierten
    Opfergaben auf den Köpfen, kunstvoll gefügte Türme aus Früchten und Gemüsen, Blüten, strohgeflochtenen Ornamenten, Reiskuchen und gebratenen Enten.
    „Gaben für Tempel,“ erklärte I Gede.
    Während Mark fotografierte, fragte Judith den Balinesen über die Bedeutung der Opfer aus, über das bevorstehende Fest, über den Schmuck der Straße und der
    Tempel. I Gede tat sein Bestes, in gebrochenem Englisch Auskunft zu geben. Er war sichtlich darauf bedacht, nichts von sich zu geben, was das Ohr eines
    höhergestellten Atma beleidigen könnte. Aron hörte kaum auf die holprige Rede des Balinesen. Er war gefangen von den Bräuchen dieser verborgenen Welt, die
    sich in völliger Selbstverständlichkeit vor seinen Augen vollzogen. Die Frauen stellten sich in langer Zweierreihe auf, plauderten, scherzten, beäugten
    tuschelnd und kichernd die Gäste. Plötzlich, ohne dass jemand den Befehl dazu gab, fielen sie in Schweigen und setzten sich in Bewegung. Der Zug
    durchquerte das Dorf und verschwand hinter dem letzten Gehöft auf einem Waldweg. Würdevoll schritten die Frauen unter ihrer Last, und doch bewegte sich die
    Prozession mit erstaunlicher Eile. Die Blüten und Früchte glühten im Licht der untergehenden Sonne. Die anderen Dorfbewohner begleiteten den Zug, der durch
    ein Waldstück zu einem Tempel führte. Die Ordnung der Prozession löste sich auf. Die Frauen arrangierten die Opfergaben auf Steinsockeln, ein weiß
    gekleideter Brahmane sprengte heiliges Wasser auf sie. In einer strohgedeckten Laube am Rande des Hofes spielte ein Gamelan-Orchester. Der helle
    schneidende Klang der Metallophone und Messingbecken mischte sich mit dem dumpf rollenden Ton der großen Gongs, den Trommeln und näselnden Flöten. Eine
    Gruppe von Frauen bewegte

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