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Der Pfeil der Rache

Der Pfeil der Rache

Titel: Der Pfeil der Rache Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: C.J. Sansom
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sich das Dickicht, und der Hirsch wollte entwischen, doch ein großes hölzernes Hindernis versperrte die Lücke. Das Tier kehrte auf den Pfad zurück und jagte weiter, hatte kostbare Zeit verloren. Als der Hirsch sich umwandte, erhaschte ich einen Blick seiner angstgeweiteten Augen, bei denen das Weiße sichtbar war.
    Der Hirsch legte zu, rannte schneller als die Pferde. Ich musste all meine Sinne auf das Reiten konzentrieren und auf tiefhängende Äste achten. Barak mochte die wilde Hatz genießen, ich nicht; ich fürchtete die Gefahren, die ein so schneller Ritt durch den Wald barg; ich hatte Angst, dass ein hervorstehender Ast mir gegen Kopf oder Knie schlagen könnte.
    Alsdann erspähte das mächtige Tier eine zweite Lücke zwischen den Bäumen und tauchte zur Seite hin ab. Auch dort befand sich ein Hindernis, doch war es niedrig. Der Hirsch duckte sich, setzte zum Sprung an, doch da tauchten Dorfleute neben dem Hindernis auf und ruderten schreiend mit den Armen. Anstatt die Flucht fortzusetzen, drehte der Hirsch sich um und trat uns entgegen. Die Reiter parierten die Pferde durch. Ich war noch immer an vorderster Front, jetzt neben Hobbey. Der Hirsch gab einen Laut von sich, fast schon ein Röhren, senkte das Haupt und schwenkte drohend das große Geweih. Avery stieß ins Horn, das Signal für die Bogenschützen. Im selben Moment griff der Hirsch uns an.
    Er rannte geradewegs auf Hobbeys Pferd zu, rammte es am Halse. Das Pferd wieherte entsetzt und stieg; Hobbey schrie auf und stürzte hintüber, auf mich. Oddlegg schlug aus, und ich merkte, wie ich aus dem Sattel fiel, mit Hobbey auf mir. Wir landeten mitten in den Brennnesseln, deren Weichheit uns vor ernsthaften Verletzungen bewahrte, wobei Hobbeys Gewicht mir die Luft benahm. Ich schob ihn von mir herunter, ehe er mich erstickte, und verbrannte mir Hände und Hals an den Nesseln. Da vernahm ich einen dumpfen Schlag, ein leises Aufächzen des Hirschs und ein Krachen.
    Ich holte tief und keuchend Luft, als Barak zu mir eilte und mir half, mich aufzusetzen. Avery zerrte Hobbey auf die Füße. Keuchend blickte ich um mich. Ein Mann aus dem Dorf hielt Oddlegg am Zügel, der nicht verletzt zu sein schien, während Hobbeys Pferd strampelnd im Unterholz lag. Die Dorfleute rannten auf uns zu. Mitten im Weg lag der Hirsch, von Jägern umstellt, und ein Pfeil ragte ihm aus der Brust. Er tat einen langen, schaudernden Atemzug, zuckte ein letztes Mal und regte sich nicht mehr. Hugh kam hinzu und beugte sich über das Tier, den Bogen in der Hand, das Gesicht schweißnass. Der junge Stannard lief herzu und klopfte ihm auf die Schulter. »Gut gemacht, Master Curteys. Was für ein Schuss!«
    Ein zufriedenes Lächeln umspielte Hughs Lippen. »Ja«, sagte er. »Ja, ich hab’s wieder getan.«
    Hobbey atmete schnell, deutlich erschüttert. Hughs Blick wanderte von ihm zu mir. »Ihr habt Euch verletzt, Sir«, sagte er. »Da ist Blut an Eurem Handgelenk.«
    Ich ertastete einen tiefen Kratzer unterhalb des Ellbogens. Ich zuckte zusammen. »Ich muss auf einem Stück Holz gelandet sein.«
    »Lasst sehen«, sagte Barak.
    Ich schlüpfte aus dem Wams und rollte den Hemdsärmel hoch. Aus einem bösen Schnitt am Unterarm quoll Blut. »Ihr müsst ihn abbinden«, sagte Barak. »Lasst mich den Ärmel abschneiden, das Hemd ist ohnehin zerrissen.«
    Während Barak meine Wunde versorgte, ging Hobbey zu seinem Mündel hinüber. »Hugh«, sagte er mit bebender Stimme, »ich danke dir, du hast die Jagd gerettet. Vielleicht sogar mein Leben.«
    Hugh vergalt es ihm mit einem frostigen Lächeln. »Ich sagte es Euch, Sir, ich wäre ein guter Schütze auf dem Schlachtfeld.«
    Ein Hornsignal ertönte aus der Tiefe des Waldes. »Sie haben das Kahlwild erlegt«, sagte Sir Luke. »Hierher Männer, zieht den Hirsch beiseite, damit der Karren Platz findet. Und helft Master Hobbeys Pferd.« Das gestürzte Tier wurde auf die Beine gestellt; zum Glück war es unverletzt geblieben, obschon es heftig zitterte. Vier Dorfleute packten den Hirsch am Geweih und schleppten das blutende Wild an den Wegesrand.
    * * *
    Die Jagdgesellschaft löste sich auf, und auf Hobbeys Bitte hin begaben sich alle zu Fuß oder zu Pferde wieder auf die Lichtung. Ein Diener nahm sich des humpelnden Pferdes an. Hugh ging an der Seite der beiden Jünglinge und genoss ihr Lob. Avery machte sich auf, Fulstowe und David zu holen, die offenbar zu weit entfernt gewesen waren, um das Hornsignal zu hören. Hobbey stand da, von Staub bedeckt,

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