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Der Pfeil der Rache

Der Pfeil der Rache

Titel: Der Pfeil der Rache Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: C.J. Sansom
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die Kleider zerrissen, und rieb sich die bleichen Hände. »Es tut mir leid, dass ich auf Euch stürzte, Sir«, sagte er. »Habt Ihr Euch schwer verletzt?«
    »Ich glaube nicht. Komm Barak, reiten wir zurück zum Haus.« Ich erhob mich, doch augenblicklich fing der Wald ringsum an sich zu drehen. Barak half mir, mich wieder hinzusetzen.
    »Der Schreck sitzt Euch in allen Gliedern. Ruht Euch noch ein wenig aus.«
    Dyrick lachte. »Gebt acht, Nicholas, sonst verklagt er Euch wegen Körperverletzung.«
    »So seid doch still!«, herrschte Hobbey ihn an. Dyricks Miene verfinsterte sich. Er machte Anstalten, etwas zu sagen, machte stattdessen kehrt und stapfte den Pfad hinunter, just als Avery mit Fulstowe und David auftauchte. David betrachtete den Hirsch, dem der Pfeil tief in der Brust steckte. Fulstowe trat nah an ihn heran. »Ein feiner Schuss«, sagte er bewundernd. »Wir sollten heute Abend die Gläser erheben auf Master Hugh. Er hat sich das Herzkreuz als Trophäe verdient.«
    »Wäre der Hirsch weitergerannt«, bemerkte David verdrossen, »hätte ich ihn erwischt. Die Ehre gebührt eigentlich mir.«
    »Um Himmels willen, Junge!«, schalt Hobbey. »Das Vieh hat Master Shardlake und mich von den Pferden gestoßen. Und hätte uns böse verletzen können! Fulstowe hat ganz recht, geh und gratuliere Hugh!«
    Davids Augen weiteten sich. Ich hatte noch nie erlebt, dass Hobbey seinen Sohn anschrie. »O ja«, versetzte David prompt. »Hugh ist immer besser als ich! In allem. Hugh, Hugh, immerzu Hugh!« Er funkelte mich wütend an. »Und der Bucklige meint, Hugh würde übel behandelt.«
    »Mach, dass du nach Hause kommst!« Hobbey deutete mit zitterndem Finger auf seinen Sohn.
    Einen derben Fluch auf den Lippen, den Bogen in der Faust, stürmte David ins Unterholz. Ich gewahrte Zornestränen in seinen Augen. Hobbey wandte sich um und sah noch, wie Fulstowe angesichts der peinlichen Szene ein Grinsen übers Gesicht huschte. Seine Augen wurden schmal. »Geh, Steward«, sagte er. »Lasst den Karren holen und das Wild aufladen.«
    »Jawohl, Sir«, sagte Fulstowe, eine Spur Ironie in der Stimme. Auch er ging davon.
    »Auweh, meine Hände«, sagte Hobbey. »Ich muss ein paar Ampferblätter finden. Avery, kommt, Ihr kennt Euch in diesen Wäldern aus.«
    Averys Augen wurden schmal, als Hobbey ihn ansprach wie einen seiner Diener; dennoch geleitete er Hobbey den Pfad hinunter. Barak und ich blieben mit dem toten Hirsch allein. Die Vögel, aufgescheucht von dem Tumult, kehrten allmählich an ihre Schlafplätze zurück und fingen wieder an zu singen.
    »Da hab ich Tammy ja einiges zu erzählen, wenn ich heimkomme«, sagte Barak.
    »Kurz vor Beginn der Jagd schlug Dyrick mir einen Handel vor«, sagte ich leise. Wenn wir morgen aufbrächen, nach Priddis’ Besuch, würde jede Partei nur die eigenen Kosten begleichen. Vermutlich Davids wegen. Ich glaube, ich muss das Angebot annehmen.« Ich seufzte. »Die Rätsel dieses Hauses werden wohl ungelöst bleiben.«
    »Gott sei es gedankt.« Barak blickte mich an, ein reumütiges Lächeln im Gesicht.
    Ein Knirschen von Rädern ertönte auf dem Pfad. Ein halbes Dutzend Männer lenkte den großen Karren, den wir anfänglich auf der Lichtung hatten stehen sehen. Er troff von Blut von dem Kahlwild, das wohl schon auf die Lichtung geschafft worden war.
    »Komm«, sagte ich. »Ich bin schon wieder wohlauf. Gehen wir.«
    Wir ritten im Schritt den Pfad zurück, wobei die Männer am Karren die Kappen lupften, als wir sie passierten. Die Strecke war weiter, als mir bewusst gewesen war. Ich verspürte einen pochenden Schmerz im Arm.
    Wir müssen bald auf der Lichtung sein, dachte ich, als Barak mich an der Schulter berührte. »Da, schaut«, sagte er leise. »Was ist das? Dort drüben?«
    »Wo?« Ich spähte durch die Bäume. »Ich sehe nichts.«
    »Den leuchtenden Fleck dort meine ich, wie von Kleidern.« Er stieg vom Pferd und drang in den Wald ein. Ich stieg ebenfalls ab und folgte ihm und hätte ihn beinah von hinten gerammt, weil er jählings innehielt.
    »Was ist –?«
    Ich verstummte angesichts des außergewöhnlichen Anblicks. Vor uns befand sich die kleine Senke, die ich heute Morgen entdeckt hatte, mit dem umgestürzten Stamm, der gegen einen Baum lehnte. Meine Gedanken wirbelten wild durcheinander, denn es war fast so, als hätte ich die Einhornjagd vor Augen, wie ich sie auf dem Teppich in Hobbeys Halle erblickt hatte. Eine Frau mit langem blonden Haar saß auf dem Stamm, den Rücken an den

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