Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Der Pfeil der Rache

Der Pfeil der Rache

Titel: Der Pfeil der Rache Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: C.J. Sansom
Vom Netzwerk:
Mistress Abigail ist – ich fürchte, sie ist tot. Sir Luke, würdet Ihr mich begleiten?«
    Entsetzensrufe wurden laut. »Bitte«, sagte Fulstowe, »Master Dyrick, Master Shardlake, bitte kommt auch Ihr.«
    Ich trat vor. »Fulstowe, welcher Dienstbote war den gesamten Morgen über bei den Frauen?«
    Fulstowe überlegte und deutete dann auf einen Knaben in Hughs und Davids Alter. »Moorcock, du bist doch die ganze Zeit hier gewesen, nicht wahr?«
    Der Bursche nickte verängstigt.
    »Junge«, fragte ich ihn, »wann hat Mistress Abigail die Lichtung verlassen?«
    »Vor etwa zwanzig Minuten. Ich hörte, wie sie zu Mistress Stannard sagte, sie müsse mal.«
    Eine der Damen meldete sich zu Wort. »Das ist wahr, aber sie ging in die falsche Richtung. Der ausgewiesene Platz ist dort drüben.« Sie zeigte auf einen kleinen Pfad ein wenig abseits.
    »Welche Mitglieder der Jagdpartie waren bis dahin schon wieder hier auf der Lichtung?«, fragte ich den Diener.
    »Fast noch niemand, Sir. Sir Luke war da, und Master Avery, der uns wissen ließ, dass der Hirsch in die Enge getrieben sei. Ich glaube, alle kamen zurück, nachdem Mistress Hobbey gegangen war.«
    Mistress Stannard wandte sich an Fulstowe. »Was ist mit ihr?«
    Er antwortete nicht. Ich sagte: »Master Avery, würdet Ihr uns begleiten?« Er stand auf, wischte sich die blutigen Hände an seinem Kittel sauber und folgte uns ins Unterholz.
    * * *
    Auf dem kleinen Wiesengrund umsummten Schmeißfliegen die Wunde auf Abigails Stirn. Corembeck klappte der Kiefer nach unten. »Mord«, ächzte er. Dyrick sagte ausnahmsweise gar nichts, starrte nur entsetzt auf die Tote.
    »Ich hielt es für das Beste, die Sache einstweilen zu verschweigen«, sagte Fulstowe. »Ihr, Sir Luke, seid Friedensrichter. Was sollen wir tun?«
    »Wer hat die Tote gefunden?«
    Ich trat vor. »Mein Schreiber und ich.«
    »Wir müssen nach Coroner Trevelyan schicken, in Winchester. Sofort.« Corembeck fuhr sich über die schweißnasse Stirn.
    »Warum ist Avery hier?«, fragte mich Fulstowe und nickte dem blutbesudelten Jagdmeister zu. »Dies dürfte kaum angemessen sein –«
    »Weil er diese Wälder kennt«, antwortete ich kurz angebunden. »Master Avery, ich möchte Euch gern etwas zeigen, wenn Ihr mir folgen wollt.«
    Ich führte ihn an die Stelle, wo sich der halbe Fußabdruck befand. »Ja«, sagte Avery leise. »Hier stand der Schütze.« Er besah sich einen Ast, unmittelbar vor mir. Ein Zweig war abgebrochen, hing lose herab. »Seht Ihr, der war ihm im Weg. Er brach ihn ab, ganz leise, um sie nur ja nicht zu stören.« Er sah mich an. »Der Mörder ist ein erfahrener Bogenschütze. Kein Hausdiener, auch keiner der Bauern, die ich auf Vordermann gebracht habe. Er – nun ja, er traf mitten ins Schwarze.«
    »Danke.« Ich trat wieder auf die kleine Lichtung. Abigail, die zu Lebzeiten nicht hatte stillsitzen können, regte sich nicht mehr. Inzwischen war uns noch jemand gefolgt. Hugh Curteys war im Begriff, die Blume aufzuheben, die Abigail entglitten war. Er legte sie ihr sanft in den Schoß und murmelte etwas. Es klang wie »Das geschieht dir recht.«
    * * *
    Als wir uns wieder den anderen zugesellten, war der Hirsch bereits herangekarrt worden. Man ließ ihn beim Kahlwild liegen, und ein langer Zug von erschrockenen Gästen und Bediensteten bewegte sich zurück zum Haus. David weinte noch immer und hing am Arm seines Vaters. Hobbeys Gesicht war vom Schrecken gezeichnet. Hinter den beiden ging Hugh schweigend an Fulstowes Seite.
    »Es hätte auch Hugh oder David treffen können«, sagte Barak still.
    »Oder Fulstowe. Als Abigail sich absonderte, war noch fast niemand von der Jagd zurückgekehrt.«
    Dyrick holte uns ein. »Avery irrt sich«, sagte er. »Der Todesschütze kann sehr wohl aus dem Dorf stammen. Viele junge Männer üben sich derzeit im Bogenschießen. Auch ältere sind darunter. Nun, wir kommen jedenfalls morgen nicht von hier fort«, fügte er bitter hinzu. »Wir müssen auf den Coroner warten. Ich bin Master Hobbeys Anwalt, und Ihr habt die Tote gefunden. Wir werden bis zur Anhörung hierbleiben müssen. Verflucht.«
    Empfand er nicht das Geringste für Abigail? Ich starrte ihn an. »Ich will endlich meine Kinder sehen«, schimpfte er.
    Du hättest sie töten können, dachte ich, nach Hobbeys Anwurf bist du allein davongestürmt. Und du bist ein Bogenschütze: Du unterweist deinen Sohn darin, du hast es uns erzählt.
    Barak ließ den Kopf hängen. »Ich frage mich allmählich, ob ich

Weitere Kostenlose Bücher