Der Pfeil der Rache
Hobbey war ein dünner, hagerer Mann in den Vierzigern, mit dichtem grauem Haar und einem schmalen, strengen Gesicht. Er trug ein blaues Sommerwams aus feinem Tuch, darüber eine kurze Schaube. Er ergriff freudig Dyricks Hand. »Vincent«, sagte er mit klarer, melodiöser Stimme. »Wie ich mich freue, Euch wiederzusehen!«
»Ich mich ebenso, Nicholas.«
Hobbey wandte sich mir zu. »Master Shardlake«, sagte er förmlich. »Ich hoffe, Ihr werdet unsere Gastfreundschaft annehmen. Ich freue mich darauf, die Bedenken jener zerstreuen zu können, die Euch zu uns gesandt haben.« Seine kleinen braunen Augen unterzogen mich einer eingehenden Betrachtung. »Dies ist meine Gemahlin, Mistress Abigail.«
Ich verneigte mich vor der Frau, die Michael Calfhill als geisteskrank beschrieben hatte. Sie war groß und schmalgesichtig wie ihr Ehemann. Das Bleiweiß auf ihren Wangen vermochte die Falten darunter nicht zu verbergen. Sie trug ein weites, graues Seidengewand mit gelben Puffärmeln und eine kurze, perlenbestückte Haube; das Haar in der Stirn war von verblasstem Blond, ins Graue neigend. Als ich mich wieder aufrichtete, bemerkte ich, dass sie mich eindringlich beäugte. Sie vollführte einen knappen Knicks, wandte sich an die halbwüchsigen Knaben an ihrer Seite, holte tief und angespannt Atem und sprach mit hoher Stimme: »Mein Sohn David. Und hier das Mündel meines Mannes, Hugh Curteys.«
David war ein wenig untersetzt und von kräftigem Wuchs. Er trug ein dunkelbraunes Wams über einem weißen Hemd mit langem Spitzenkragen. Sein schwarzes Haar war kurzgeschoren. Pfarrer Broughton hatte David als einen hässlichen Knaben beschrieben, und nun war er im Begriff, ein hässlicher Mann zu werden; sein rundes Gesicht mit den groben Zügen und den wulstigen Lippen war glattrasiert; dennoch lag ein dunkler Schatten auf seinen Wangen. Er hatte hervortretende blaue Augen wie seine Mutter, die einzige Ähnlichkeit mit einem Elternteil. Er blickte mich verächtlich an.
»Master Shardlake«, sagte er nur und streckte mir die Hand entgegen; sie war heiß, feucht und zu meinem Erstaunen voller Schwielen.
Ich wandte mich dem Burschen zu, um dessentwegen wir fast hundert Meilen gereist waren. Hugh Curteys trug ebenfalls ein dunkles Wams über dem weißen Hemd, und auch sein Haar war kurzgeschoren. Ich entsann mich der Begebenheit, von der Mistress Calfhill erzählt hatte, als er, den Kopf voller Läuse, seine Schwester lachend durch die Stube gescheucht hatte. Ich spürte Emmas Kreuz um den Hals; es hatte mich sicher geleitet.
Hugh unterschied sich grundlegend von David. Er war groß, von athletischem Wuchs, mit breiter Brust und schmaler Taille. Er hatte ein längliches Kinn und eine kräftige Nase über vollen Lippen. Abgesehen von ein paar winzigen braunen Muttermalen hätte er das schönste Gesicht sein Eigen nennen können, wäre nicht die untere Hälfte von Pockennarben entstellt gewesen. Noch heftiger waren die Narben an seinem Hals. Seine obere Gesichtshälfte war sonnengebräunt, wodurch die weißen Narben weiter unten noch deutlicher hervortraten. Seine Augen, von ungewöhnlichem Blaugrün, waren klar und seltsam ausdruckslos. Trotz seiner guten körperlichen Verfassung ging eine tiefe Traurigkeit von ihm aus.
Er nahm meine Hand. Sein Händedruck war trocken und fest. Auch seine Hand war schwielig. »Master Shardlake«, sagte er mit tiefer, belegter Stimme. »Ihr kennt also Mistress Calfhill.«
»So ist es.«
»Ich erinnere mich an sie. Eine herzensgute alte Dame.« Noch immer kein Ausdruck in seinen Augen, nur Vorsicht.
Fulstowe, der Steward, war die Stufen heraufgestiegen. Er stand nun neben seinem Herrn und beobachtete uns sorgsam. Ich hatte das merkwürdige Gefühl, als habe er die ganze Familie im Auge, halte sie gleichsam in Schach wie ein Spielmeister.
»Zwei Briefe kamen heute Morgen für Euch an, Master Shardlake«, sagte er. »Sie liegen in Eurem Zimmer. Auch für Euren Gehilfen ist einer dabei. Ein Postreiter des Königs, der nach Portsmouth unterwegs war, brachte sie hierher. Er war offenbar die Nacht durchgeritten.« Er sah mich eindringlich an. »Einer der Briefe trägt das Siegel der Königin.«
»Ich habe das Glück, mit dem persönlichen Berater Ihrer Majestät befreundet zu sein. Er wies die Postreiter an, Briefe an mich weiterzuleiten und auch welche entgegenzunehmen, in Cosham.«
»Ich kann veranlassen, dass ein Diener Eure Briefe dorthin bringt.«
»Ich danke Euch.« Ich würde sie mit gutem
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