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Der Streik

Der Streik

Titel: Der Streik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ayn Rand
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wäre. Er wusste nicht, warum er, als das Telefon klingelte und seine Sekretärin ihm mitteilte, dass Miss Dagny Taggart am Apparat war, eilig nach dem Hörer griff und merkte, dass seine Hand zitterte. Er hatte über ein Jahr lang geglaubt, sie würde ihn nie wieder sehen wollen. Jetzt hörte er ihre helle, unpersönliche Stimme, die ihn um ein Treffen bat. „Ja, Miss Taggart, natürlich, ja, gerne. … Montag früh? Ja, hören Sie, Miss Taggart, ich habe heute einen Termin in New York, und ich könnte, wenn Sie wollen, am Nachmittag in Ihrem Büro vorbeikommen. … Nein, nein, das macht keine Umstände, im Gegenteil, ich freue mich. … Heute Nachmittag, Miss Taggart, gegen zwei … ich meine, gegen vier Uhr.“
    Er hatte keinen Termin in New York. Er ließ sich auch keine Zeit, darüber nachzudenken, was ihn veranlasst hatte, es zu sagen. Er lächelte in freudiger Erwartung und blickte auf einen sonnenbeschienenen Fleck auf einem fernen Hügel.
    *
    Dagny zog einen schwarzen Strich durch Zug Nummer 93 auf dem Fahrplan und empfand einen Augenblick lang eine trostlose Genugtuung darüber, wie ruhig sie dabei geblieben war. In den letzten sechs Monaten hatte sie diese Handbewegung viele Male ausgeführt. Anfangs war es ihr schwer gefallen, aber mit der Zeit wurde es leichter. Der Tag würde kommen, dachte sie, an dem sie in der Lage sein würde, diesen Schlussstrich ohne die kleinste Anstrengung zu ziehen. Zug Nummer 93 war ein rentabler Güterzug gewesen, der Waren nach Hammondsville in Colorado transportiert hatte.
    Sie wusste, wie es nun weitergehen würde: Als Erstes die Einstellung der Sonderfrachtzüge; dann die Beschränkung der Anzahl von Güterwagen nach Hammondsville, die wie unerwünschte Anhängsel an Güterzüge angehängt werden würden, die andere Städte anfuhren; dann das kontinuierliche Verschwinden des Haltebahnhofs Hammondsville aus den Fahrplänen der Personenzüge; dann der Tag, an dem sie Hammondsville, Colorado, vom Streckenplan streichen würde. So war es mit Wyatt Junction gelaufen und auch mit der Stadt Stockton.
    Sie wusste, dass es, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass Lawrence Hammond sich zurückgezogen hatte, sinnlos war zu warten, zu hoffen und sich zu fragen, ob sein Cousin, sein Anwalt oder eine Kommission von Bürgern aus dem Ort das Werk wieder eröffnen würden. Sie wusste, dass es Zeit war, die Fahrpläne zu kürzen. Nachdem Ellis Wyatt gegangen war, hatte es keine sechs Monate gedauert – ein Zeitraum, den ein Journalist freudig als den „großen Tag des kleinen Mannes“ bezeichnet hatte. Jeder Mann im Ölgeschäft, der drei Quellen besaß und gejammert hatte, dass Wyatt ihm keine Chance zum Überleben ließ, hatte sich beeilt, die Löcher zu stopfen, die Wyatt hinterlassen hatte. Sie schlossen sich zusammen, bildeten Genossenschaften und Verbände; sie bündelten ihre Ressourcen und änderten ihre Briefköpfe. „Des kleinen Mannes Tag an der Sonne“, hatte der Kolumnist geschrieben. Ihre Sonne waren die Flammen, die aus den Bohrtürmen von Wyatt Oil schlugen. In ihrem Schein begründeten sie die Vermögen, von denen sie immer geträumt hatten, Vermögen, die zu erwerben sie weder Fachkenntnisse brauchten noch Anstrengungen unternehmen mussten. Dann begannen ihre größten Kunden wie Energiekonzerne, die Wagenladungen von Öl verbrauchten und auf menschliche Schwächen keine Rücksicht nahmen, auf Kohle umzustellen – und die kleineren Kunden, die nachsichtiger waren, begannen pleitezugehen. Washington verhängte Ölrationierungen und führte für die Arbeitgeber eine Notstandssteuer zur Unterstützung für die Arbeitslosen der Ölindustrie ein. Dann schlossen mehrere große Ölfirmen. Dann erkannten die kleinen Männer an der Sonne, dass ein Bohrmeißel, der einst hundert Dollar gekostet hatte, plötzlich fünfmal so teuer war, denn der Markt für Werkzeuge und Anlagen zur Ölförderung war zusammengebrochen, sodass die verbleibenden Hersteller nun an einem Meißel so viel verdienen mussten wie früher an fünf, um nicht bankrottzugehen. Dann schlossen nach und nach die Pipelines, denn niemand konnte für ihre Wartung aufkommen. Dann erhielten Eisenbahngesellschaften die Erlaubnis, ihre Frachttarife anzuheben, schließlich gab es nur noch wenig Öl zu transportieren, und die Kosten für den Verkehr von Tankzügen hatten bereits zwei kleine Eisenbahnlinien aus dem Geschäft geworfen. Und als die Sonne dann unterging, merkten sie, dass die niedrigen Betriebskosten, die

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