Der Streik
das Öl rationiert – zurzeit.“
„Dann würde ich vorschlagen, Sie bleiben bei Ihrer Arbeit. Setzen Sie sich mit Mr. Mouch auseinander, und überlassen Sie ihm das Gebiet der Ölheizungen, aber überlassen Sie das Gebiet des Denkens mir.“
„Es wäre interessant zu versuchen, hier eine Grenzlinie zu ziehen“, sagte Dr. Ferris in beiläufigem akademischem Ton. „Aber wenn wir über mein Buch sprechen, dann bewegen wir uns ohnehin im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit.“ Er wandte sich um und deutete mit besorgter Miene auf die mit Kreide an die Tafel geschriebenen mathematischen Formeln. „Es wäre verhängnisvoll, Dr. Stadler, wenn Sie zulassen würden, dass die Öffentlichkeitsarbeit Sie von einer Arbeit abhält, die nur Sie allein in der Lage sind zu erledigen.“
Er sagte es mit unterwürfiger Ehrerbietung, und Dr. Stadler wusste nicht, warum er aus seinen Worten einen anderen Satz heraushörte: „Bleiben sie bei Ihrer Tafel!“ Er ärgerte sich über sich selbst; er musste dieses Misstrauen loswerden, dachte er.
„Öffentlichkeitsarbeit?“, sagte er geringschätzig. „Ich kann in Ihrem Buch keinerlei praktischen Nutzen erkennen. Ich verstehe nicht, was Sie damit erreichen wollen.“
„Nein?“ Dr. Ferris’ Blick huschte kurz zu seinem Gesicht; die Anmaßung darin blitzte zu kurz auf, um sie mit Sicherheit identifizieren zu können.
„Ich kann es mir nicht erlauben, gewisse Dinge in einer zivilisierten Gesellschaft für möglich zu halten“, sagte Dr. Stadler ernst.
„Das ist überaus richtig“, sagte Dr. Ferris erfreut. „Sie können es sich nicht erlauben.“
Dr. Ferris erhob sich und gab so als Erster zu verstehen, dass das Gespräch beendet war. „Bitte lassen Sie mich rufen, Dr. Stadler, sollte in diesem Institut irgendetwas vorfallen, das Ihnen Unbehagen bereitet“, sagte er. „Es ist mir immer eine Ehre, Ihnen dienen zu können.“
Dr. Stadler wusste, dass er seine Autorität verteidigen musste, und unterdrückte die Scham über die oberflächliche Art, mit der er das tat, indem er in grobem, sarkastischem Ton gebieterisch sagte: „Wenn ich Sie das nächste Mal herbestelle, sehen Sie zu, dass Ihr Wagen in Ordnung ist.“
„Natürlich, Dr. Stadler. Ich werde dafür sorgen, dass ich nicht wieder zu spät komme, und ich bitte vielmals um Entschuldigung.“ Dr. Ferris antwortete, als spielte er eine Rolle in einem Theaterstück; als wäre er zufrieden, dass Dr. Stadler letztlich doch gelernt hatte, wie moderne Verständigung funktionierte. „Mein Wagen hat mir eine Menge Scherereien gemacht, er fällt auseinander. Ich habe vor einiger Zeit einen neuen bestellt, das Beste, was es auf dem Markt gibt, ein Hammond-Cabrio – aber Lawrence Hammond hat vergangene Woche sein Unternehmen aufgegeben, völlig grundlos und ohne Vorwarnung, und jetzt stehe ich da. Diese Mistkerle scheinen alle irgendwohin zu verschwinden. Es muss etwas dagegen unternommen werden.“
Als Ferris gegangen war, saß Dr. Stadler mit hängenden Schultern an seinem Schreibtisch und hatte nur den verzweifelten Wunsch, dass ihn niemand so sähe. In den unbestimmten Schmerz, den er nicht zu beschreiben vermochte, mischte sich das verzweifelte Gefühl, dass keiner – keiner von denen, die er schätzte – noch mit ihm würde zu tun haben wollen.
Er wusste, welche Worte er nicht ausgesprochen hatte. Er hatte nicht gesagt, dass er das Buch öffentlich verurteilen, es im Namen des Instituts ablehnen würde. Er hatte es nicht gesagt, weil er Angst hatte, dass seine Drohung Ferris völlig ungerührt lassen würde, dass niemand Ferris etwas anhaben konnte, dass das Wort von Dr. Robert Stadler keine Macht mehr hatte. Und während er sich sagte, dass er sich später über die Frage eines öffentlichen Protests Gedanken machen würde, wusste er, dass er nicht protestieren würde.
Er nahm das Buch und ließ es in den Papierkorb fallen.
Plötzlich tauchte ein Gesicht in seiner Erinnerung auf, unerwartet und so deutlich, dass er die Klarheit jedes einzelnen Zuges darin zu erkennen meinte, ein junges Gesicht, an das sich zu erinnern er über Jahre vermieden hatte. Nein, dachte er, er hat dieses Buch nicht gelesen, er wird es nicht sehen, er ist tot, er muss vor langer Zeit gestorben sein … Wie ein stechender Schmerz durchfuhr es ihn, als ihm schlagartig klar wurde, dass dies der Mensch war, den er sich mehr als alles andere in der Welt wünschte zu sehen, und dass er gleichzeitig hoffen musste, dass dieser Mann tot
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