Der Streik
Pritchett konnte solches Geschwätz noch als eine Art wirrer Mystizismus durchgehen – ihm hat ohnehin keiner zugehört. Aber Sie wollen die Leute glauben machen, das sei Wissenschaft. Wissenschaft! Sie haben die Leistungen des Verstandes missbraucht, um den Verstand zu zerstören. Wer gab Ihnen das Recht, meine Arbeit zu benutzen, um sie auf unvertretbare und absurde Weise in ein anderes Forschungsgebiet zu transferieren, eine unpassende Metapher daraus zu machen und eine rein mathematische Problemstellung auf ungeheuerliche Weise zu verallgemeinern? Mit welchem Recht haben Sie es so aussehen lassen, als hätte ich – ich! – mein Einverständnis zu diesem Buch gegeben?“
Dr. Ferris reagierte nicht, er sah Dr. Stadler nur ruhig an; doch durch diese Ruhe wirkte er nahezu herablassend. „Sehen Sie, Dr. Stadler, Sie argumentieren, als wäre dieses Buch für eine denkende Leserschaft geschrieben worden. Wäre das der Fall, müsste man sich tatsächlich über Dinge wie Genauigkeit, Gültigkeit, Logik und das Ansehen der Wissenschaft Gedanken machen. Doch das ist es nicht. Es richtet sich an die Öffentlichkeit. Und Sie waren doch immer der Erste, der geglaubt hat, die Öffentlichkeit denke nicht.“ Er unterbrach sich, doch Dr. Stadler schwieg. „Dieses Buch hat vielleicht keinerlei philosophischen Wert, psychologisch ist es jedoch von großer Bedeutung.“
„Die da wäre?”
„Dr. Stadler, die Leute wollen nicht denken. Und je tiefer sie in Schwierigkeiten geraten, desto weniger wollen sie denken. Aber eine Art Instinkt sagt ihnen, dass sie denken müssen, und das lässt sie sich schuldig fühlen. Daher folgen sie dankend jedem, der ihnen eine Rechtfertigung dafür gibt, nicht zu denken, jedem, der aus dem, was sie für ihre Sünde, ihre Schwäche und ihre Schuld halten, eine Tugend macht – und eine höchst intellektuelle Tugend.“
„Und dem wollen Sie Vorschub leisten?“
„Das ist mein Weg zur Popularität.“
„Warum sollten Sie nach Popularität streben?“
Dr. Ferris’ Blick streifte wie zufällig Dr. Stadlers Gesicht. „Wir sind eine öffentliche Einrichtung“, antwortete er gelassen, „gefördert durch öffentliche Gelder.“
„Und deshalb erzählen Sie den Menschen, Wissenschaft sei ein nutzloser Schwindel, der am besten abgeschafft werden sollte?“
„Dies ist ein Schluss, den man logischerweise aus meinem Buch ziehen könnte. Aber es ist nicht der Schluss, den die Leute ziehen werden.“
„Was ist mit der Schande, die damit in den Augen intelligenter Menschen, falls es irgendwo noch welche davon gibt, über das Institut kommt?”
„Warum sollten wir uns um sie kümmern?“
Dr. Stadler hätte diese Bemerkung noch verstanden, wenn sie voller Hass, Neid oder Bosheit ausgesprochen worden wäre; doch das Fehlen jeder dieser Regungen, die Gleichgültigkeit der Stimme, eine Gleichgültigkeit, die fast ein leises Lachen zu enthalten schien, trafen ihn wie ein flüchtiger Blick in eine Welt, die nicht Teil der Realität sein konnte; das Gefühl, das sich bis in seine Eingeweide ausbreitete, war kaltes Entsetzen.
„Haben Sie die Reaktionen auf mein Buch verfolgt, Dr. Stadler? Es wurde außergewöhnlich positiv aufgenommen.“
„Ja, und gerade das fällt mir schwer zu glauben.“ Er musste sprechen. Er musste sprechen, als handelte es sich hier um ein zivilisiertes Gespräch, er durfte sich keine Zeit lassen, das Gefühl zu bestimmen, das er eben empfunden hatte. „Ich kann mir die Aufmerksamkeit, die Ihnen in allen angesehenen akademischen Fachzeitschriften zuteil wurde, und die Tatsache, dass sie Ihr Buch überhaupt ernsthaft diskutiert haben, nicht erklären. Wäre Hugh Akston noch da, hätte keine wissenschaftliche Publikation gewagt, das Buch so zu behandeln, als wäre es ein philosophisches Werk.“
„Er ist aber nicht mehr da.“
Dr. Stadler fühlte, dass ihm Worte auf der Zunge lagen, die er einfach aussprechen musste, und er hoffte, das Gespräch beenden zu können, bevor er herausfand, um welche Worte es sich handelte.
„Andererseits“, sagte Dr. Ferris, „wurde in der Werbung für mein Buch – ach, ich bin sicher, Dinge wie Werbung bemerken Sie gar nicht – ein Brief von Mr. Wesley Mouch an mich zitiert, in dem er mir sein höchstes Lob ausspricht.“
„Wer zum Teufel ist Mr. Wesley Mouch?“
Dr. Ferris lächelte. „Heute in einem Jahr werden nicht einmal mehr Sie diese Frage stellen, Dr. Stadler. Lassen Sie es mich so formulieren: Mr. Mouch ist der Mann, der
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