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Der Untergang des Abendlandes

Der Untergang des Abendlandes

Titel: Der Untergang des Abendlandes Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Oswald Spengler
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Wesen sich selbst offenbart. Daß es eine Ausgedehntheit an sich gibt, unabhängig vom Formgefühl und Weltgefühl des Erkennenden, ist ein kritisches Vorurteil. Man glaubt, das Leben ausschalten zu können; man vergißt, daß Erkennen sich zum Erkannten verhält wie die Richtung zur Ausdehnung und daß erst die lebendige Richtung das Empfundene in die Tiefe und Ferne, zum Raume dehnt. Die »erkannte« Struktur des Ausgedehnten ist ein Sinnbild des erkennenden Wesens.
    Die entscheidende Bedeutung des
Tiefenerlebnisses
, das mit dem Erwachen einer Seele und also mit der Schöpfung der ihr zugehörigen äußeren Welt identisch ist, war an einer früheren Stelle nachgewiesen worden. [Vgl. Bd. I, S. 223 f.] Danach liegt in der bloßen Sinnesempfindung nur Länge und Breite; durch den lebendigen, mit innerster Notwendigkeit sich vollziehenden Akt der Deutung, der wie alles Lebendige Richtung, Bewegtheit, Nichtumkehrbarkeit besitzt – das Bewußtsein davon macht den eigentlichen Gehalt des Wortes Zeit aus –, wird die Tiefe
hinzugefügt
und somit die Wirklichkeit, die Welt geschaffen. Das Leben selbst geht als dritte Dimension in das Erlebte ein. Der Doppelsinn des Wortes Ferne, als Zukunft und als Horizont, verrät den tieferen Sinn dieser Dimension, welche die Ausdehnung als solche erst hervorruft. Das erstarrte, eben vergangene Werden ist das Gewordne, das erstarrte, eben vergangene Leben die Raumtiefe des Erkannten. Descartes und Parmenides stimmen darin überein, daß Denken und Sein, das heißt Vorgestelltes und Ausgedehntes, identisch sind.
Cogito, ergo sum
ist lediglich eine Formulierung des Tiefenerlebnisses: Ich erkenne, also bin ich im Raume. Aber im Stil dieses Erkennens und mithin des Erkannten kommt das Ursymbol der einzelnen Kultur zur Geltung. Die vollzogene Ausdehnung ist im antiken Bewußtsein von sinnlich-körperhafter Gegenwart, im abendländischen von steigender räumlicher Transzendenz, so daß nach und nach die ganze unsinnliche Polarität von Kapazität und Intensität im Unterschied von der antik-optischen, Stoff und Form, herausgearbeitet wird.
    Aber daraus folgt, daß innerhalb des Erkannten die lebendige Zeit nicht noch einmal erscheinen kann. Sie ist in das Erkannte, das »Sein« schon als Tiefe eingegangen, und so sind Dauer, das heißt Zeitlosigkeit, und Ausgedehntheit identisch. Nur das Erkennen besitzt das Merkmal der Richtung. Die physikalische, gedachte, meßbare Zeit, eine bloße Dimension, ist ein Mißgriff. Es fragt sich nur, ob er zu vermeiden ist oder nicht. Man setze in irgendeinem physikalischen Gesetz dafür das Wort Schicksal ein und man wird fühlen, daß innerhalb der reinen »Natur« von Zeit nicht die Rede ist. Die Formenwelt der Physik reicht genau so weit wie die verwandten der Zahlen und der Begriffe, und wir hatten gesehen, daß, trotz Kant, zwischen mathematischer Zahl und Zeit nicht die geringste, wie immer geartete Beziehung besteht. Aber dem widerspricht die
Tatsache der Bewegung
im Bilde der Umwelt. Es ist das ungelöste und unlösbare Eleatenproblem. Sein oder Denken und Bewegung vertragen sich nicht. Die Bewegung »ist nicht« (»ist Schein«).
    Und hier wird die Naturwissenschaft zum zweiten Mal dogmatisch und mythologisch. In den Worten Zeit und Schicksal ist für den, der sie instinktiv gebraucht, das Leben selbst in seiner tiefsten Tiefe berührt, das
ganze
Leben, das vom Erlebten nicht zu trennen ist. Die Physik aber, der beobachtende Verstand,
muß
sie trennen. Das Erlebte »an sich«, losgelöst gedacht vom lebendigen Akt des Betrachters, Objekt geworden, tot, anorganisch, starr – das ist jetzt »die Natur«, etwas mathematisch zu Erschöpfendes. In diesem Sinne ist Naturerkenntnis eine
messende
Tätigkeit. Indes: Wir leben, auch wenn wir betrachten, und also lebt das Betrachtete
mit uns
. Der Zug im Bilde der Natur, durch den sie nicht nur »ist«, von Augenblick zu Augenblick, sondern in einem ununterbrochenen Strome
rings um uns und mit uns »wird«
, ist das Zeichen der Zusammengehörigkeit eines wachen Wesens und
seiner
Welt. Dieser Zug
heißt
Bewegung, und er widerspricht der Natur
als einem Bilde
. Er repräsentiert die
Geschichte
dieses Bildes, und daraus ergibt sich: Genau so, wie unser Verstehen durch die Wortsprache vom Empfinden, wie der mathematische Raum von den Lichtwiderständen, den »Dingen«, [Vgl. Bd. I, S. 158 f., Bd. II, S. 565 f.] so ist die physikalische Zeit vom Eindruck der Bewegung abgezogen worden.
    »Die Physik« erforscht

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