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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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nicht fertig.«
    »Ich wüßte nichts Weiteres.«
    »Es ist auch nichts Weiteres; es handelt sich nur noch um das Geld. Nämlich, Sie sagen, daß ich es heute Abend erhalten soll. Aber zu welcher Zeit denn?«
    »Wenn wir fertig sind.«
    »Das fällt mir nicht ein! Ehrliches Spiel verlange ich!«
    »Ich werde ja ehrlich sein!«
    »Nun, so theilen wir die Summe. Die eine Hälfte geben Sie mir, wenn wir aufbrechen, und die andern Hundert erhalte ich, wenn ich mit der Geschichte fertig bin!«
    »Auch darauf gehe ich ein!«
    »Topp?«
    »Topp!«
    Sie schlugen mit einander ein und gingen dann auseinander.
    Der Rothe blieb in dieser Stadtgegend. Er schritt am Wasser hin, bog in ein enges Gäßchen ein und blieb dann vor einem alten Hause stehen, welches so schmal war, daß neben der niederen Thüre nur zwei schmale Fensterchen Platz gefunden hatten.
    Er klopfte. Ein Gesicht erschien an dem einen fast ganz erblindeten Fenster; dann dauerte es immer noch eine Weile, bis die verschlossene Hausthüre geöffnet wurde. Ein langer, hagerer Mann erschien, welcher nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien. Sein Kinn war spitz; seine Nase war spitz, und sein Blick war am allerspitzigsten. Er musterte den Ankömmling und fragte dann: »Zu wem wollen Sie?«
    »Zu Ihnen?«
    »Kennen Sie mich?«
    »Sehr gut.«
    »Wo? Oben oder unten?«
    »Unten.«
    »Hinten oder vorn?«
    »Ganz hinten.«
    »Ah! Sie sind – ein – ein –«
    »Halten Sie den Mund, und lassen Sie uns eintreten!«

    Er drängte sich in den engen Flur und trat in die Stube. Ein entsetzlicher Dunst schlug ihm entgegen. Fünf häßliche Frauenzimmer saßen an einem Tische und waren beschäftigt, Cigarren zu machen. Der angefeuchtete Taback lag auf der Diele, unter dem Tische, unter dem Ofen, unter den Stühlen, auf den Fensterbrettern, kurz überall. Der Brodem war nicht zum Aushalten. Und wie es in der Stube aussah, so sahen auch die Frauenzimmer aus.
    Sie glotzten den Ankömmling neugierig an, sagten aber kein Wort, sondern rollten ohne Pause ihre Wickeln weiter.
    Der Alte deutete auf die Ofenbank und sagte:
    »Setzen Sie sich, wenn Sie nichts Außerordentliches bringen, und brennen Sie sich eine Cigarre an. Neubacken schmecken sie am Allerbesten.«
    »Danke, danke!«
    »Warum denn nicht? Jette, gieb dem Herrn eine!«
    Die, welche angeredet worden war, war die Kleinste und auch die Hübscheste. Aber dennoch hätte ein wahrer Heldenmuth dazu gehört, ihr nur die Hand zu reichen.
    Sie nahm einen Wickel, rollte ihn in den Decker, drehte die Spitze an, klebte sie mit Kleister zu, welcher ganz wie Teichschlamm aussah und noch schlimmer stank, und als dieses Bindemittel noch nicht recht halten wollte, spuckte sie darauf und strich es sorgfältig glatt. Dann hielt sie dem Fremden die prachtvolle
Habanna caballeros
liebreich entgegen.
    Er machte ein Gesicht, als ob er im Sterben liege, wehrte mit beiden Händen emsig ab und sagte: »Danke, danke, Frau Henriette! Ich rauche nie, niemals! Meine Brust ist schwach; sie kann den Taback nicht vertragen.«
    »Wie?« fragte der Alte. »So genau kennen Sie meine Familie? Sie wissen, daß Jette verheirathet war?«
    »Wie Sie sehen, lieber Doctor!«
    »Doctor? Himmelelement, Sie sind ein nobler Kerl!«
    »Das bin ich stets, und ich hoffe, es Ihnen auch heute zu beweisen.«
    Dabei griff er mit der Hand nach dem rechten Auge, als ob er sich dasselbe auswischen wolle. Der alte, frühere Apotheker sah das. Er erhob sich sofort. Seine Miene wurde respectvoller. Er betrachtete sich den Mann noch einmal genau und sagte dann: »Entschuldigung! Sie kennen mein Haus unten und ganz hinten; Sie wissen das Zeichen; Sie sind kein gewöhnlicher Mann!«
    »Sie können Recht haben.«
    »Womit kann ich dienen?«
    »Ich bedarf Ihrer Apotheke.«
    »Schön! Kommen Sie herunter!«
    Da rief die Stimme der Kleinen:
    »Vater! Lieber Vater!«
    Und die Stimmen der vier Anderen fielen mit ein:
    »Vater! Sollen wir denn nicht mit?«
    Der Alte blieb stehen und blickte den Fremden fragend an.
    »Wissen Sie, was sie meinen?« fragte er ihn.
    »Ja, bester Doctor,« antwortete der Gefragte lachend.
    »Dürfen sie?«
    »Wenn Sie es erlauben?«
    »Gern; aber bezahlen müssen Sie!«
    »Das versteht sich ganz von selbst! Kommen Sie, meine Damen!«
    Die ganze Gesellschaft verließ die stinkende Stube. Der Apotheker versicherte sich erst, daß die Hausthür wirklich verschlossen sei, und öffnete dann eine mitten im Flur angebrachte hölzerne Fallthür. Jetzt zeigte sich eine

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