Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
Vom Netzwerk:
Wort zu sagen, ohne den Versuch zu machen, sie aufzuhalten. So stand er eine ganze lange Weile, bis er draußen Pferdegetrappel hörte. Da überkam ihn plötzlich eine große, große Angst.
    Er raffte sich zusammen; er rannte hinaus. Er ließ die Thüre offen stehen und eilte hinüber zu Hausers. Dort im Hausflur horchte er. Er hörte nichts, als die Stimme des Alten:
    »Will mich des Schicksals Schwere drücken,
    Blitzt auf mich des Gesetzes Weh,
    Droht Straf’ und Hölle meinem Rücken,
    So steig ich gläubig in die Höh
    Und flieh in Deine heilgen Wunden;
    Da hab ich gleich den Ort gefunden,
    Wo mich kein Fluchstrahl treffen kann,
    Tritt Alles wider mich zusammen,
    Du bist mein Heil; wer will verdammen?
    Die Liebe nimmt sich meiner an!«
     
    Das klang nach Hausers Gewohnheiten so alltäglich, so gewöhnlich, als ob gar nichts geschehen sei. Hofmann klopfte an, öffnete die Thür und trat ein. Bei seinem Gruße blickten die Anwesenden auf.
    »Habt Ihr mein Engelchen gesehen?« fragte er.
    »Ja, Nachbar,« antwortete Hauser.
    »Wo ist sie?«
    »Fort.«
    »Also doch, doch! Wohin?«
    »Weißt Du das nicht?«
    »Ich habs nicht geglaubt.«
    »In das Gefängniß.«
    »Herrgott! Also ist es doch wahr! Welch eine Schande!«
    »Meinst Du? Wenn es wirklich eine Schande ist, so frage Dich, wer die Schuld daran trägt.«
    »Wer denn? Etwa ich?«
    »Kein Anderer!«
    »Was hat sie denn gethan?«
    »Auf Fritz Seidelmann geschossen, weil Du sie ihm mit aller Gewalt an den Hals werfen willst.«
    »Auf – ihn – geschossen!« stieß er hervor. »Womit denn?«
    »Mit einem Gewehr natürlich.«
    »Ist er todt?«
    »Nein. Sie hat ihm glücklicher Weise nur das Ohr geritzt.«
    »Aber, was gab es denn vorher hier bei Euch? Warum waren sie denn bei Euch?«
    »Willst Du das wirklich wissen, Nachbar?«
    »Ja.«
    »So gehe zu Fritz Seidelmann, Deinem Freunde und Vertrauten, der mag es Dir sagen. Für Dich giebt es hier bei uns heute keinen Platz.«
    »Hauser! Was fällt Dir ein?«
    »Ganz dasselbe, was vorher Dir einfiel: Wir passen nicht mehr zusammen. Gehe! Gehe hinaus!«
    Er faßte den Nachbar beim Arme und führte ihn hinaus bis vor die Hausthür. Dieser ließ es sich ganz ruhig gefallen. Als Hauser wieder in die Stube trat, fragte seine Frau: »Aber Vater! Du steckst ihn hinaus? Das ist sonst ja ganz und gar nicht Deine Art und Weise?«
    »Es ist sie auch jetzt noch nicht.«
    »Warum thust Du es denn?«
    »Ihm zu Liebe. Er wird in sich gehen. Wenn er allein zu Hause sitzt, mag er mit seinem Hochmuthe abrechnen. Uns aber hat er gestört. Laßt uns den nächsten Vers unseres Liedes lesen.«
     
    »Führst Du mich in des Kreuzes Wüsten,
    Ich folg’ und lehne mich auf Dich.
    Du nährest aus den Wolkenbrüsten,
    Du labest aus dem Felsen mich.
    Ich traue Deinen Wunder-Wegen;
    Sie enden sich in Lieb und Segen;
    Genug, wenn ich Dich bei mir hab!
    Ich weiß: Wen Du willst herrlich zieren
    Und über Sonn’ und Sterne führen,
    Den führest Du zuvor hinab!« –
     
    Der alte Förster Wunderlich hatte, seit Eduard von ihm gegangen war, gar keine Ruhe gefunden. Er war ein gar sorgsamer und bedenklicher alter Herr, dem gar leicht Etwas im Kopfe herum gehen konnte, was ein Anderer vielleicht gar nicht beachtet hätte. Darum fühlte er sich erleichtert, als endlich Arndt nach Hause kam.
    »Sie wurden gesucht, Herr Vetter,« sagte er.
    »Von wem?«
    »Von Eduard Hauser.«
    »Was wollte er?«
    »Er rückte gar nicht mit der Sprache heraus. Es schien also etwas Geheimnißvolles zu sein.«
    »Machten Sie ihn darauf aufmerksam, daß Sie beauftragt sind, Wichtiges entgegen zu nehmen, wenn ich nicht da bin?«
    »Ja.«
    »Und er sagte dennoch nichts?«
    »Kein Wort! Um so wichtiger muß also die Sache sein, da er sie nicht einmal mir anvertraut.«
    »Will er heute wiederkommen?«
    »Nein; erst morgen früh. Für heute schien er außerordentlich viel beschäftigt zu sein.«
    »Hm! Es ist möglich, daß Etwas gewesen ist, wobei er eigentlich meiner Gegenwart bedarf. Ich werde ihn suchen.«
    »Aber wo?«
    »Zunächst bei seinen Eltern.«
    »Und wenn er nicht da ist?«
    »So giebt es einige Orte, gewisse Beobachtungspunkte, an denen ich ihn wohl treffen werde.«
    Er ging – ganz als Vetter Arndt gekleidet. Im Städtchen angekommen, bemerkte er nichts von dem Geschehenen. Als er in Hauser’s Hausflur trat, hörte er gerade die letzten Worte:
    »Den führest Du zuvor hinab.«
     
    »Sie beten! Fromme Leute!« dachte er.
    Dann klopfte er laut an und trat

Weitere Kostenlose Bücher