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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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der Anwalt.
    »Warum soll ich es nicht?«
    »Haben Sie gehört, Leute, was Seidelmann von mir fordert? Er machte mich auf meine Pflicht aufmerksam. Und leider bin ich gezwungen, sie zu erfüllen.«
    Engelchen blickte ihn ungewiß und fragend an.
    »Sie haben geschossen, Fräulein,« bemerkte er.
    »Mein Gott, ja! Ich wollte nicht! Ich wollte ihm nur sagen, was er werth sei.«
    »Ich weiß das. Ich war ja selbst Zeuge des ganzen Auftrittes.«
    »So wird man wohl denken, daß ich ihn wirklich habe todtschießen wollen?«
    »Nein, das wird man nicht denken. Aber das Gesetz verlangt, daß dies bewiesen werde. Und dazu bedarf es vor allen Dingen Ihrer Gegenwart.«
    »Ich werde gewiß kommen, sobald Sie mich bestellen!«
    Der Anwalt konnte ein Lächeln doch nicht ganz unterdrücken.
    »Wenn ich Sie nun gleich jetzt bestelle?« fragte er.
    »Gleich jetzt soll ich mitgehen?«
    »Ich möchte es wünschen.«
    »Herr Jesus! Das wäre ja eine Arretur.«
    »Allerdings. Sie werden mir diese scheinbare Härte verzeihen, Fräulein Hofmann.«
    »O, ich sehe, daß Sie es nicht schlimm mit uns meinen, Herr Anwalt, aber, ist es denn wirklich nothwendig?«
    »Ganz gewiß!«
    »Aber warum denn? Ich werde nicht fliehen!«
    »Das glaube ich Ihnen gern; aber das Gesetz bestimmt, daß man sich der Person eines Mörders bemächtige.«
    »Eines Mörders? Das bin ich doch nicht.«
    »Nein. Sie sind keine Mörderin. Aber wissen Sie, welches Verbrechens Seidelmann Sie anklagen wird?«
    »Nein.«
    »Des Mordversuches, allerwenigstens der Körperverletzung.«
    »Mein Gott! Das wollte ich ja gar nicht.«
    »Ich weiß das selbst am Allerbesten. Darum ist es am Vortheilhaftesten für Sie, wenn Sie sich mir anvertrauen.«
    »Gott! Arretirt!«
    Da sagte Eduard in beruhigendem Tone:
    »Das ist doch keine Schande, Engelchen. Auch ich bin arretirt, und doch bin ich unschuldig. Wir gehen mit einander in das Gefängniß.«
    Das erleichterte ihr die Sache.
    »Mit einander! Du und ich!« sagte sie. »Gut! Ich habe von zu Hause fliehen müssen! Gehen wir in das Gefängniß!«
    »So schnell doch nicht!« lächelte der Beamte. »Sie werden vorher doch noch einmal nach Hause gehen müssen.«
    »Weshalb?«
    »Ich werde Sie begleiten, während Herr Hauser sich hier verbinden läßt. Ihre Eltern müssen doch wissen, wo Sie sich befinden werden, und sodann gebe ich Ihnen den Rath, gewisse Kleinigkeiten mitzunehmen, ohne welche ein an Ordnung und Reinlichkeit gewöhnter Mensch selbst im Gefängnisse nicht zu bestehen vermag. Bitte, kommen Sie!«
    Er ließ Eduard unter der Beaufsichtigung seiner Beamten zurück, gab draußen den Befehl, für die beiden Gefangenen einen Wagen zu requiriren, und begab sich sodann mit Engelchen in das Nachbarhaus.
    Man hatte in der Nachbarschaft den Schuß gehört. Trotz der Kälte standen zahlreiche Menschen auf der Straße. Auch Hofmann stand vor seiner Thür, bei ihm mehrere Nachbarn, welche sich in Vermuthungen ergingen, warum bei Hausers Aussuchung gehalten werde.
    Als er Engelchen kommen sah, sagte er zu ihr:
    »Das ist Dein Glück! Packe Dich hinein in die Stube!«
    Er beachtete in seinem Zorne ihren Begleiter gar nicht. Dieser fragte ihn: »Darf ich mich mit hineinpacken?«
    »Sie? Warum denn?«
    »Weil ich für jetzt zu Ihrer Tochter gehöre.«
    »Wer sind Sie denn?«
    »Das werden Sie drinnen hören. Kommen Sie!«
    Er faßte Hofmann beim Arme und zog ihn mit hinein. Als sie sich in der Stube befanden, sagte er: »Ich bin der Staatsanwalt. Ich habe Ihre Tochter arretirt.«
    Hofmann erschrak.
    »Arre – tirt?« stieß er hervor.
    »Ja.«
    »Warum?«
    »Weil Sie schuld sind. Ihr Kind wird wenigstens im Gefängnisse frei sein von den Gewaltthätigkeiten, die es zu Hause erleiden muß.«
    »Gewaltthätigkeiten? Ich verstehe Sie nicht!«
    »Sie werden mich verstehen lernen, sobald ich Sie vor die Gerichtsstelle citirt habe. Ich weiß Alles. Sie wollen Ihre Tochter zwingen zu einem Verhältniß, wovon ihr ein jeder anderer Vater abrathen würde. Ich nehme sie mit.«
    »Herrgott! Hat sie denn etwas Unrechtes gethan?«
    »Ja, aus Aufregung. Das Nähere werden Sie schon noch hören. Jetzt haben wir Anderes zu thun.«
    Er nannte Engelchen die Gegenstände, deren sie bedürfen werde, und sie packte dieselben zusammen. Als sie damit fertig war, sagte sie, ohne ihm die Hand zu geben: »Lebe wohl, Vater! Grüße mir die Mutter! Sie soll mich einmal im Gefängnisse besuchen.«
    Es war ihm, als träume er. Er starrte den Beiden nach, ohne ein

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