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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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Weile aus ihrer Behausung geraubt und sie in seine eigene Wohnung geschafft und dort heimlich hinter Schloß und Riegel gehalten.«
    »Mit ihrer Erlaubniß?«
    »Nein; da wäre es ja nicht Raub, sondern nur Entführung, Herr Justizrath.«
    »Und er ist geständig?«
    »Ja.«
    »Und nicht bestraft worden«
    »Nein. Das heißt, er wird nicht bestraft werden, denn der Fall ist noch ein schwebender.«
    »Also erst kürzlich geschehen?«
    »Ja.«
    »Höchst interessant. Beschäftigt er bereits den Richter?«
    »Noch nicht. Es ist noch keine Anzeige erstattet worden.«
    »Wie ist das möglich? Man kennt das Verbrechen und zeigt es nicht an?«
    »Sie alle kennen das Verbrechen; es handelt sich nämlich um die Baronin Ella von Helfenstein.«
    Ein allgemeines Erstaunen ließ sich bemerken; aber der Justizrath beabsichtigte nicht, einen Anderen zu Worte kommen zu lassen; er sagte: »Die ist aus der Irrenanstalt geraubt worden. Und Durchlaucht sagen, daß der Thäter nicht bestraft werden könne, sondern für unschuldig erklärt werden müsse?«
    »Ja, das behaupte ich.«
    »Nun, Durchlaucht haben ja selbst die Güte gehabt, zu gestehen, daß Sie kein Jurist sind!«
    »Hm!« brummte es.
    Der Justizrath drehte sich um und sagte in rügendem Tone:
    »Wie? Was? Sagte schon wieder Jemand Etwas. Man scheint sich hier sehr gern zu räuspern; aber ein jeder Jurist muß überzeugt sein, daß diese That bestraft werden muß. Ist der Thäter bereits bekannt, Durchlaucht?«
    »Nicht allgemein.«
    »Sie aber kennen ihn?«
    »Sehr genau.«
    »So ist es Ihre Pflicht, ihn schleunigst zur Anzeige zu bringen.«
    »Schleunigst heißt doch möglichst schnell?«
    »Allerdings.«
    »Nun, so will ich ihn sofort anzeigen.«
    »Recht so! Wir werden also seinen Namen erfahren.«
    »Gewiß, wenn Sie es wünschen.«
    »Natürlich! Bitte, wer ist es?«
    »Ich selbst bin es.«
    Diese vier kleinen Worte brachten ein allgemeines Erstaunen hervor. Der Justizrath aber trat einen Schritt zurück, zog die Stirn in Falten und meinte sehr ernst: »Durchlaucht kennen meine Stellung?«
    »Ja. Pensionirter Justizrath.«
    »Und decorirt! Ich bin nicht gewöhnt, Scherz mit mir treiben zu lassen, selbst nicht von einem Vertreter der höchsten Aristokratie!«
    »Das ist sehr anerkennenswerth von Ihnen. Ein Jeder muß wissen, was ihm der Andere schuldig ist!«
    »Natürlich! Und so hoffe ich, daß auch Sie mir diejenige Achtung zollen, welche zu empfangen ich gewöhnt bin!«
    »Hm!« brummte der Gerichtsrath.
    Der Justizrath blitzte ihn mit zornigen Augen an und fragte:
    »Wie? Was? Sagten Sie etwas?«
    »Nein. Ich brummte nur ein Wenig.«
    »Ah, so! Durchlaucht, wird bei Ihnen gebrummt?«
    »Je nach Belieben. Ich pflege meinen Gästen keine Gesetze vorzuschreiben; behagt mir aber Einer nicht, so wird er eben nicht mehr eingeladen. Uebrigens haben Sie sich geirrt. Ich habe nicht gescherzt. Ich bin wirklich der Thäter des Verbrechens, von welchem wir sprechen.«
    »Was? Sie hätten –?« fragte er erstarrt.
    »Ja,« nickte der Fürst.
    »Wirklich – –«
    Abermaliges Nicken.
    »Die Baronin geraubt?«
    »Wie ich Ihnen sage.«
    »Durchlaucht sehen mich ganz fassungslos!«
    »Bitte, behalten Sie immerhin Ihre Fassung, wie Sie es als Richter gewöhnt sind! Ich werde Ihnen die Gründe angeben, welche mich zu der betreffenden That veranlaßten.«
    »Ich bin begierig, sie zu hören.«
    »Vorher aber bitte ich alle die Anwesenden, mir ihr Ehrenwort zu geben, daß Sie über Das, was hier gesprochen und geschehen wird, bis auf Weiteres das tiefste Schweigen bewahren werden.«
    »Nein, das kann ich nicht geben! Auf keinen Fall!«
    »Warum nicht?«
    »Wenn es sich um ein Verbrechen handelt, so ist es meine Pflicht, Anzeige zu machen.«
    »Sie haben ein sehr zartes und zugleich strenges Gewissen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß es sich nicht um etwas Strafbares handelt. Und so können Sie mir auch durch Ihr Ehrenwort Schweigen geloben.«
    »Wenn das ist, gut! Ich gebe mein Wort.«
    »Und die anderen Herren?«
    Alle stimmten bei. Der Fürst fuhr nun fort:
    »Also, ich theile Ihnen mit, daß ich die Baronin aus Rollenburg geraubt und hierher gebracht habe. Ich habe dabei einen Helfershelfer gehabt, nämlich hier den Herrn Doctor Zander.«
    »Ah!« sagte der Justizrath, indem sich aller Augen auf Zander richteten. »Man sagt, daß der Herr Doctor die Baronin in Behandlung gehabt habe.«
    »Allerdings! Nämlich der Baron hat die Absicht gehabt, seine Frau zu

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