Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
Vom Netzwerk:
Ministers legte ihm schweigenden Gehorsam auf.
    »Meine Herren,« fuhr der Fürst fort. »Wir werden uns jetzt in das Nebenzimmer begeben. Es ist dunkel, damit sie unbemerkt Zeugen dessen sein können, was geschehen wird. Ich ersuche Sie, Ihre Anwesenheit durch kein Geräusch, durch keinen Laut zu verrathen.«
    Er ergriff einen mehrarmigen Leuchter und schritt voran in das erwähnte Zimmer. Sie folgten.
    Der Raum war mit dicken Teppichen belegt, und die schweren, weichen Polstermöbels waren ganz geeignet, jedes Geräusch zu ersticken. Sie nahmen Platz, einer dunklen Wand gegenüber, auf welche der Fürst sie aufmerksam machte, indem er sagte: »Dies scheint eine Zwischenwand, eine Mauer zu sein, ist aber nichts, als ein dünner, durchsichtiger, aber straff angezogener Schleier, durch dessen Maschen Sie blicken können, ohne bemerkt zu werden, weil Sie sich im Dunkeln befinden werden. Also bitte, so still wie im Grabe selbst!«
    Er ging mit dem Lichte hinaus, und nun sahen sie allerdings, daß sie sich vor einem Schleier befanden, durch welchen sie den dahinter liegenden Raum als ein fein ausgestattetes Damenboudoir erkannten. Die Gaze war so fein, daß sie sogar die feinsten Striche der dahinter an der Wand hängenden Malereien zu unterscheiden vermochten. Es brannte drüben eine Ampel, welche ein mildes, aber durchdringendes Licht verbreitete.
    Sie warteten in höchster Spannung der Dinge, die da kommen würden. Sie wagten nicht, auch nur ganz, ganz leise miteinander zu flüstern.
    Jetzt wurde drüben eine Portière geöffnet, und zwei Diener brachten ein höchst elegantes Ruhebett hereingetragen, welches sie in die Mitte des Raumes setzten. Dann zogen sie sich zurück.
    In den Kissen lag eine bleiche, aber wunderschöne Frauengestalt. Diejenigen von den verborgenen Zuschauern, welche die Baronin Ella von Helfenstein gesehen hatten, erkannten diese sofort.
    Nach einer kurzen Pause trat der Fürst ein, mit ihm Doctor Zander. Sie benahmen sich so unbefangen, als ob sie gar nicht wüßten, daß sie belauscht würden.
    »Warum ordneten Sie an, daß die Dame in dieses Zimmer geschafft werde?« fragte der Fürst laut.
    »Dieses Zimmer hat eine abgesonderte Lage. Es steht zu befürchten, daß die Baronin bei ihrem Erwachen sich höchst aufgeregt benimmt, vielleicht laut weint und schreit, und da ist es besser, sie befindet sich in einem Zimmer, wo sie von Unberufenen nicht gehört werden kann.«
    »Das genügt. Fühlen Sie den Puls?«
    »Er ist bereits da. Es ist ganz genau so, wie Durchlaucht vorher bestimmt haben. In fünf Minuten wird die Allerärmste die Macht zurückerhalten, sich bewegen zu können.«
    »So will ich bleiben. Sie darf bei ihrem Erwachen nicht allein sein.«
    »Und ich? Wie befehlen, Durchlaucht?«
    »Gehen Sie! Ich will mit ihr ganz allein sein. Kein Mensch soll hören oder sehen, was sie thut, außer mir.«
    Zander ging.
    Der Fürst setzte sich auf einen Stuhl, welchen er neben das Bett zog, und beobachtete sie.
    Es vergingen mehrere Minuten; die fünf waren vorüber. Wie würde ihr Erwachen sein? Langsam, allmählich, von einem Gliede auf das andere übergehend?
    Nein. Sie lag noch vollständig starr; aber einen einzigen Augenblick darauf ertönte ein überlauter, gräßlicher Schrei, und da saß sie aufrecht im Bette, mit weit von sich abgestreckten Händen und übernatürlich aufgerissenen Augen.
    Der Fürst sprang auf.
    »Gnädige Frau! Endlich, endlich!« sagte er.
    Ihre blassen Wangen rötheten sich; sie zog die Hände wieder an sich, ballte sie aber zu Fäusten, streckte sie drohend wieder aus und knirschte mit der Stimme eines Teufels, eines höllischen Wesens:»Fluch ihm! Verderben! Rache! Rache!«
    »Wem?« fragte der Fürst.
    »Ihm, ihm! Dem Baron!«
    Ihre Zähne knirschten so laut aufeinander, daß den Lauschern das Gehör wehe that.
    »Er ist ein Satan! Ein tausendfacher Satan! Sie aber sind mein Retter! Er gab mir Gift, und ich konnte mich nicht regen; aber ich fühlte, ich hörte Alles, Alles! Die Minuten wurden zu Wochen, die Stunden zu Jahren und die Tage zu Ewigkeiten! Er stand vor mir mit Doctor Mars und besprach mit ihm, daß er mich ermorden solle. Und als Mars sagte, daß ich jedes Wort verstände, da hatte er noch höllische Freude darüber!«
    Sie schüttelte die Arme drohend vor sich hin.
    »Baronin, fassen Sie sich!« bat der Fürst.
    »Fassen? Ich bin gefaßt; ich bin nicht aufgeregt. Oh, Fürst, Sie wissen nicht, welche Qualen ich erduldet habe! Hätte ich tausend

Weitere Kostenlose Bücher