Der Verrat
inzwischen einen guten Einblick in das Spionagespiel gewonnen und weiß auch, wie die Bulfinches dieser Welt arbeiten. Und ich weiß, dass die Agenten mehr aus Forbes und dem Economist erfahren würden als diese Zeitschriften aus den Geheimdienstakten.
»Um welchen Zeitraum geht es?«, fragte ich.
»Nicht sehr lang. Zwei Tage, vielleicht drei.«
»Woher wissen Sie das so genau?«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber wir wissen es.« Sie trank von ihrem Caipirinha. »Vertrauen Sie mir einfach.«
Ich lachte.
Sie hob in gespielter Empörung den Kopf. »Ich habe Ihnen schließlich auch vertraut. Ich hab Ihnen aus der Suite rausgeholfen, oder etwa nicht?«
»Weil Sie dachten, ich hätte ein Videoband. Das ist kein Vertrauen, das ist Nötigung.«
Sie lächelte, und ihre Augen blitzten amüsiert. »Sie brauchen mich, um an ihn ranzukommen, und das können Sie nicht, solange ich Ihnen im Weg bin. Also müssen Sie mir vertrauen. Warum da so ein hässliches Wort wie« Nötigung »benutzen?«
Ich lachte erneut. Sie hatte Recht. Ich hatte praktisch keine Alternativen. Ich würde ihr wohl oder übel »vertrauen« müssen.
Da jede direkte Kontaktaufnahme zu gefährlich wäre, vereinbarten wir, dass ich, wenn ich sie sehen wollte, einen kleinen bunten Sticker unter die Knöpfe in den vier Fahrstühlen des Oriental kleben würde. Die Aufkleber hatte ich in einem Schreibwarenladen in der Nähe gesehen. Die Fahrstühle boten den Vorteil, dass ich die Dinger unbemerkt würde anbringen können, und Delilah könnte auf diese Weise mehrmals am Tag nachschauen, ohne sich ungewöhnlich benehmen zu müssen. Außerdem waren die Aufkleber klein und leicht zu übersehen, so dass sie wohl niemandem auffallen würden, der nicht wusste, worauf er zu achten hatte. Umgekehrt würde Delilah dasselbe tun, wenn sie mich sehen wollte. Treffen würden wir uns im Kasino vom Mandarin Oriental, und zwar abends, wenn Belghazi wie meistens im Lisboa spielte.
»Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie Belghazi davon erfahren haben könnte, dass wir heute Abend gemeinsam das Kasino verlassen haben«, sagte sie. »Aber falls doch, bleiben wir bei unserer ursprünglichen Geschichte: Ich habe Ihnen gesagt, dass ich zum Lisboa wollte, und Sie haben gefragt, ob wir uns das Taxi teilen könnten. Vor dem Oriental stehen die Taxis jeden Abend Schlange, also kann er die Geschichte unmöglich überprüfen, selbst wenn er wollte.«
»Überall im Kasino des Lisboa hängen Kameras«, sagte ich, um herauszufinden, wie weit sie im Voraus dachte. »Es gibt keine Aufzeichnung davon, dass Sie heute Abend dort erschienen sind.«
»Ich weiß. Aber an die Sicherheitsbänder kommt er nicht ran. Und wenn doch, würde ich ihm erzählen, dass ich Sie loswerden wollte, weil Sie mir ein bisschen zu interessiert vorgekommen sind, und dass ich stattdessen in der Einkaufspassage vom Hotel shoppen war. Da gibt’s keine Kameras.«
»Und ich?«, fragte ich aus Spaß an ihrer Gründlichkeit, obwohl ich die Antwort schon kannte.
Sie zuckte die Achseln. »Sie sind Asiate, also in der Menschenmenge weit weniger auffällig, deshalb wäre es so gut wie unmöglich, mit Sicherheit festzustellen, dass Sie heute Abend nicht dort waren. Und selbst wenn, woher sollte ich wissen, dass Sie sich plötzlich umentschieden haben? Vielleicht wollten Sie ja heute Abend gar nicht ins Lisboa, sondern es ging Ihnen nur darum, mich abzuschleppen. Vielleicht hatten Sie keine Lust mehr, nachdem Sie bei mir abgeblitzt waren, und sind woandershin gegangen.«
Ich trank einen tiefen Schluck aus meinem Glas. »Was auch erklären würde, warum wir uns nicht grüßen, wenn wir uns zufällig im Mandarin in der Lobby über den Weg laufen. Normalerweise würden sich zwei Leute, die einige Zeit zusammen Baccarat gespielt und hinterher gemeinsam ein Taxi genommen haben, danach nicht wie Fremde benehmen.«
Sie lächelte, offenbar erfreut, dass ich mitspielte. »Vielleicht waren Sie ja mit dem Ergebnis unserer Bekanntschaft unzufrieden und schmollen jetzt ein wenig?«
»Vielleicht. Aber Sie können sich auf nichts verlassen. Selbst wenn es eine vernünftige Erklärung für etwas gibt, sehen manche Leute darüber hinweg und vermuten gleich das Schlimmste.«
»Natürlich. Aber nochmal: Am allerwahrscheinlichsten ist doch, dass uns niemand bemerkt und keiner sich für uns interessiert hat.«
Ich nickte beeindruckt. Ich wusste, dass sie noch ausführlichere Erklärungen parat hätte, die sie vor immer abwegigeren
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