Der Wolf aus den Highlands
Ellar. »Du etwa?«
»Nay«, grunzte Ian. »Also, was sollen wir tun, wenn wir hier nichts weiter herausbekommen?«
»Na ja, etwas haben wir ja schon herausbekommen: Wir wissen, dass das Kind, das Mädchen und ein Holzschnitzer aus Dunncraig Keep geflohen sind und dass MacKay jeden, der ihm über den Weg läuft, fast tot prügelt, um herauszufinden, wohin die drei gegangen sind.«
»Und er und fast alle seine Männer reiten durchs Land, sodass der Keep so gut wie schutzlos ist«, fügte Robbie hinzu.
»Meinst du wirklich, das sollen wir dem Laird erzählen?«, fragte Ian. »Er ist halb wahnsinnig vor Trauer um seinen Lieblingssohn. Er wird uns auf der Stelle zu den Waffen rufen und Dunncraig angreifen.«
Ellar nickte. »Ich weiß, und das könnte für viele von uns den Tod bedeuten. Aber wir sollten es ihm trotzdem sagen. So, wie die Narren sich aufführen, wird es sich bestimmt bald überall herumgesprochen haben.«
Während die Männer wieder in den Sattel stiegen und losritten, dachte James einen Moment lang daran, sich ihnen zu erkennen zu geben. Vielleicht hätte er sie überreden können, sich mit ihm gegen MacKay zu verbünden. Andererseits aber hätten sie auch versucht sein können, ihn, Annora und Meggie als Geiseln zu nehmen und als Druckmittel gegen MacKay einzusetzen. Der Laird der MacLarens war nicht besonders scharfsinnig, und jetzt konnte er vor Trauer bestimmt erst recht keinen klaren Gedanken fassen. So verführerisch es war zu versuchen, ein paar Verbündete zu gewinnen – Annoras und Meggies Sicherheit konnte er nicht für eine solch vage Möglichkeit aufs Spiel setzen.
Sobald die MacLaren-Männer aus seinem Blickfeld verschwunden waren, machte sich James eilig auf den Rückweg zum Cottage. Er besaß jetzt zwar ein paar nützliche Informationen, aber er fürchtete, dass seine Instinkte ihn dazu gebracht hatten, Annora und Meggie genau dann allein zu lassen, als es am vordringlichsten gewesen wäre, gemeinsam das Weite zu suchen.
Annora hatte ihre wenigen Habseligkeiten gepackt. Sie setzte sich auf die steinerne Schwelle der Kate und sah Meggie zu, wie sie auf der Lichtung herumsprang. Sie überlegte, was aus den Leuten geworden war, die früher hier gelebt hatten, befand aber im nächsten Moment, lieber nicht darüber nachzudenken. Donnell hatte viele Menschen vertrieben, aufgehängt und auf Dunncraig eingekerkert, nur weil er dachte, sie hielten James die Treue. Nach einem kurzen Gebet für die ehemaligen Bewohner dieser Kate lenkte sie ihre Gedanken wieder auf das, was vor ihr lag.
James hatte wahrscheinlich recht, sie und Meggie zu seiner Familie zu bringen und nicht nach Frankreich zu fliehen. Doch bei der Vorstellung, seine Verwandten kennenzulernen, wurde Annora ein wenig bange. Er hatte erzählt, dass viele ähnliche Gaben hatten wie sie, und das bedeutete, dass es ihr wahrscheinlich schwerfallen würde, ein Geheimnis zu hüten. Und dabei hatte sie ein großes Geheimnis, das sie keinem offenbaren wollte: Sie glaubte nämlich nicht, dass seine Familie wollte, dass die Frau, die er zu seiner Geliebten gemacht hatte, dieselbe war, die sich in MacKays Auftrag um sein Kind gekümmert hatte.
»Annora, hörst du das auch?«, fragte Meggie und lief rasch zu ihr. »Ich habe etwas gehört. Ich glaube, da kommt jemand.«
Nun hörte es auch Annora. Es kam vom Bach her und klang, als würde jemand durch das Unterholz stürzen – entweder ein erschrockenes Tier oder ein erschrockener James. Keine dieser Möglichkeiten konnte ihre aufkommende Angst lindern.
Hinter der Hütte und nördlich davon war Hufschlag zu hören. Annora wusste, dass dieses Geräusch nur eines bedeuten konnte, dass sie und Meggie sich in einer rasch näher rückenden Gefahr befanden. Ein einzelner Reiter konnte jemand sein, der irgendwohin unterwegs war, ein einfacher Reisender oder einer der Leute von Dunncraig. Aber es waren mehrere Reiter, die da heranrückten. Entweder fand ein Überfall auf Dunncraig statt, oder Donnell und seine Bewaffneten standen kurz vor ihrem Ziel. Für Angreifer und Banditen waren Annora und Meggie ein wunderbarer Gewinn und für Donnell waren sie jemand, dem klargemacht werden musste, wer über ihr Leben bestimmte. All dies hatte nichts Gutes zu bedeuten, weder für sie noch für das Kind in ihrer Obhut.
Annora ergriff ihren Beutel und packte Meggie bei der Hand, die schreckerfüllt die Augen aufgerissen hatte. Sie waren nur wenige Schritte in die Richtung gegangen, aus der ihnen keine
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