Der Zauberberg
er gehe mit ihm spazieren, er komme zwanglos zu ihm zum Tee herunter; das beweise doch –
»Gewiß, Ingenieur, gewiß.« Herrn Settembrinis Stimme klang sanft, resigniert und enthielt doch ein leises Beben. »Dies läßt sich mir erwidern, und darum erwidern Sie es mir. Gut, ich verantworte mich bereitwillig. Ich lebe mit diesem Herrn unter einem Dach, Begegnungen sind unvermeidlich, ein Wort gibt das andere, man macht Bekanntschaft. Herr Naphta ist ein Mann von Kopf – das ist selten. Er ist eine diskursive Natur – ich bin es auch. Verurteile mich, wer will, aber ich mache Gebrauch von der Möglichkeit, mit einem immerhin ebenbürtigen Gegner die Klinge der Idee zu kreuzen. Ich habe niemanden weit und breit … Kurz, es ist wahr, ich komme zu ihm, er kommt zu mir, wir promenieren auch miteinander. Wir streiten. Wir streiten uns aufs Blut, fast jeden Tag, aber ich gestehe, die {615} Gegensätzlichkeit und Feindseligkeit seiner Gedanken bildet einen Reiz mehr für mich, mit ihm zusammenzutreffen. Ich brauche die Friktion. Gesinnungen leben nicht, wenn sie keine Gelegenheit haben, zu kämpfen, und – ich bin in den meinen gefestigt. Wie könnten Sie von sich dasselbe behaupten – Sie, Leutnant, oder auch Sie, Ingenieur? Sie sind ungewappnet gegen intellektuelles Blendwerk, Sie sind der Gefahr ausgesetzt, unter den Einwirkungen dieser halb fanatischen und halb boshaften Rabulistik Schaden zu nehmen an Geist und Seele.«
Ja, ja, sagte Hans Castorp, wohl wahr, sein Vetter und er, sie seien wohl mehr oder weniger bedrohte Naturen. Es sei die Geschichte mit den Sorgenkindern des Lebens, er verstehe. Aber demgegenüber könne man ja Petrarca anführen mit seinem Wahlspruch, Herr Settembrini wisse schon, und hörenswert sei es doch unter allen Umständen, was Naphta so vorbringe: man müsse gerecht sein, das mit der kommunistischen Zeit, für deren Ablauf niemand eine Prämie bekommen dürfe, sei vorzüglich gewesen, und dann habe es ihn auch sehr interessiert, einiges über Pädagogik zu hören, was er ohne Naphta wohl nie zu hören bekommen hätte …
Herr Settembrini preßte die Lippen zusammen, und so beeilte sich Hans Castorp hinzuzufügen, daß er selbst sich natürlich jeder Partei- und Stellungnahme enthalte, nur eben hörenswert habe er es gefunden, was Naphta über die Lust der Jugend gesagt habe. »Erklären Sie mir aber nun erst einmal eines!« fuhr er fort. »Da hat nun dieser Herr Naphta – ich sage ›dieser Herr‹, um anzudeuten, daß ich durchaus nicht unbedingt mit ihm sympathisiere, sondern mich im Gegenteil innerlich höchst reserviert verhalte –«
»Woran Sie wohltun!« rief Settembrini dankbar.
»– da hat er nun also eine Menge gegen das Geld geredet, die Seele des Staates, wie er sich ausdrückt, und gegen das Eigentum, weil es Diebstahl sei, kurz, gegen den kapitalistischen {616} Reichtum, von dem er, glaube ich, sagte, er sei der Brennstoff des höllischen Feuers – so drückte er sich annähernd einmal aus, wenn ich nicht irre, und lobte das mittelalterliche Zinsverbot in allen Tönen. Und dabei, er selbst … Entschuldigen Sie, aber er muß doch … Es ist ja eine Überraschung sondergleichen, wenn man so bei ihm eintritt. All die Seide …«
»Ei, ja,« lächelte Settembrini, »das ist eine charakteristische Geschmacksrichtung.«
»… die schönen alten Meubles,« erinnerte sich Hans Castorp weiter, »die Pietà aus dem vierzehnten Jahrhundert … der venezianische Kronleuchter … der kleine Heiduck in Livree … und beliebig viel Schokoladebaumkuchen gab es auch … Er muß doch für seine Person –«
»Herr Naphta,« antwortete Settembrini, »ist für seine Person so wenig Kapitalist wie ich.«
»Aber?« fragte Hans Castorp … »Es ist nun ein Aber fällig in Ihrer Rede, Herr Settembrini.«
»Nun, die dort lassen keinen darben, der zu ihnen gehört.«
»Wer, ›die dort‹?«
»Jene Väter.«
»Väter? Väter?«
»Aber, Ingenieur, ich meine die Jesuiten!«
Das gab eine Pause. Die Vettern zeigten größte Betroffenheit. Hans Castorp rief:
»Was, Himmel, Kreuz, verflucht nochmal – der Mann ist ein Jesuit?!«
»Sie haben es erraten«, sprach Herr Settembrini fein.
»Nein, nie im Leben hätte ich … Wer kommt denn auf so was! Darum also haben Sie ihn Padre tituliert?«
»Das war eine kleine Höflichkeitsübertreibung«, entgegnete Settembrini. »Herr Naphta ist nicht Pater. Die Krankheit ist schuld daran, daß er es vorderhand nicht soweit
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