Die Enden der Parabel
Vordeutung enthalten, wofür sie als Beweis die irritierende Intimität anführen, die zwischen den Gleichungen und dem Verhalten des doppelt integrierenden Schaltkreises im
Leitsystem des A 4 besteht, eben jener zweifachen Summenbildung aus den Stromdichten, die den Architekten Etzel Ölsch veranlaßte, dem Architekten Albert Speer in Nordhausen eine unterirdische Fabrik zu entwerfen, deren Grundriß genau dieses Doppelintegral symbolisierte ...). Der junge Ex-Architekt Kekule sah sich unter den Molekülen seiner Zeit nach verborgenen Grundrissen um, von denen er wußte, daß sie existieren mußten, Gestalten, die er sich nicht als wirkliche physische Strukturen, sondern eher als "rationale Formeln" dachte, die die Beziehungen sichtbar machten, die in den "Metamorphosen", dem drolligen Wort des 19. Jahrhunderts für chemische Reaktionen, zum Ausdruck kamen. Er hatte die Fähigkeit, in Bildern zu denken. Er sah die vier Bindungen des Kohlenstoffs in ihrem Tetraeder - er zeigte, wie sich die Kohlenstoffatome aneinander anlagern konnten zu langen Ketten ... doch er war ratlos, als er zum Benzol kam. Er wußte, daß es aus sechs Kohlenstoffatomen bestand, an denen je ein Wasserstoffatom hing - aber er vermochte den Grundriß nicht zu sehen. Nicht bis zu dem Traum: bis er angeleitet wurde, ihn zu sehen, damit auch andere durch seine physische Schönheit verführt werden konnten, ihn als Bauplan, als Fundament für neue Verbindungen, neue Kombinationen erkennen konnten, so daß das Gebiet der aromatischen Chemie entstehen mußte, sich mit weltlicher Macht zu verbünden, neue Syntheseformen zu entwickeln, zu einer deutschen Farbenindustrie zu führen und endlich zur LG. ... Kekule träumt die Große Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt, die träumende Schlange, die die Welt umschlingt. Doch welche Niedrigkeit, welcher Zynismus wird sich diesen Traum zunutze machen. Die Schlange, die verkündet: "Die Welt ist ein geschlossenes Ding, zyklisch, in sich schwingend, ewig wiederkehrend", sie wird ausgeliefert an ein System, dessen einzige, erklärte Absicht darin besteht, diesen Kreislauf zu sprengen. Es nimmt und gibt nie zurück, es proklamiert ein ständiges Wachstum von "Produktivität" und "Einkommen" mit der Zeit, es entzieht dem Rest der Welt ungeheuerliche Mengen von Energie, nur um seine winzige, zu allem entschlossene Fraktion in der Gewinnzone zu halten: und nicht allein der größte Teil der Menschheit - der größte Teil der Welt, der Tiere, Pflanzen, Mineralien, wird dabei in Wüstenei verwandelt. Das System mag begreifen, vielleicht auch nicht, daß es sich nichts kauft als Zeit. Und daß Zeit zunächst nichts weiter ist als eine künstliche Ressource, für nichts und niemanden von Wert als nur für das System, das sich früher oder später selbst zu Tode stürzen muß, schuldlose Seelen aus allen Lebensstufen mit sich reißend, sobald seine Sucht nach Energie so groß geworden ist, daß der Rest der Welt sie nicht mehr zu befriedigen vermag. Innerhalb des Systems zu leben ist wie eine Überlandfahrt in einem Bus, der von einem Wahnsinnigen gesteuert wird, der seinen Selbstmord plant ... obwohl er ein netter Kerl ist und ständig Witze über den Lautsprecher läßt: "Guten Morgen, Leute, und jetzt Heidelberg, in das wir da gerade einfahren, ihr kennt das alte Lied, , tja, ein Freund von mir, der hat sogar beide Ohren hiergelassen! Aber keine Bange, es ist wirklich eine nette Stadt, die Leute sind freundlich und fröhlich - wenn sie sich nicht gerade duellieren. Aber im Ernst, sie werden euch richtig prima behandeln, sie geben euch nicht nur den Schlüssel zur Stadt, sondern gleich noch 'nen Tritt in den Arsch!" usw. Und weiter geht's, durch eine Landschaft, deren Licht sich unablässig wandelt -Schlösser und Burgen, Geröllhalden, Monde mit verschiedenen Formen und Farben kommen und gehen. Es gibt Fahrtunterbrechungen zu ungewöhnlichen Morgenstunden, ohne Erklärung: Man steigt aus, um sich in scheinwerferbeleuchteten Höfen die Füße zu vertreten, wo alte Männer unter riesigen Eukalyptusbäumen, die man in der Nachtluft riechen kann, um einen Tisch herumsitzen und alte, zerfledderte und speckige Spielkarten mischen und Schwerter und Kelche und Trümpfe im Zittern des Lichts auf die Tischplatte knallen, während hinter ihnen mit im Leerlauf tuckerndem Motor der Bus wartet - die Passagiere werden gebeten, ihre Plätze wieder einzunehmen, und so gern du auch bleiben würdest, ja, genau hier, um das
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