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Die Enden der Parabel

Titel: Die Enden der Parabel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Pynchon
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Spiel zu erlernen und an diesem ruhigen Tisch alt zu werden, du hast keine Wahl: er wartet neben der Bustür in seiner gebügelten Uniform, der Herr der Nacht, der deine Fahrkarte prüft und den Paß und die Reisepapiere, und die Marschallstäbe des Unternehmertums sind es, die diese Nacht regieren ... da er dich vorbeiwinkt, erhaschst du einen Blick in sein Gesicht, in seine wahnsinnigen, entschlossenen Augen, und du erinnerst dich, einige schreckliche Herzschläge lang, daß es für euch alle, natürlich, in einem Blutbad enden muß, in Entsetzen, ohne Würde - aber bis dahin muß die Reise weitergehen... über deinem Sitz, wo eine Reklame hängen sollte, steht ein Zitat von Rilke: "Ein Mal und nichtmehr..." Einer ihrer Lieblingsslogans. Keine Wiederkehr, keine Erlösung, kein Kreislauf - das ist nicht der Sinn, den sie, oder ihr brillanter Lakai Kekule, der Schlange geben wollten. Nein: die Schlange bedeutet nichts weiter, als daß die sechs Kohlenstoffatome des Benzols sich in der Tat zu einem Ring zusammenschließen, genau wie dieser Wurm hier, der sich in den Schwanz beißt, KAPIERT? "Den aromatischen Ring, wie wir ihn heute kennen", an welcher Stelle des Spiels Laszlo Jamf, Pöklers alter Prof, ein goldenes Hexagon mit einem Deutschen Kreuz im Zentrum aus seiner Uhrtasche zieht, eine Ehrenmedaille der I.G. Farben, und sich auf seine Liebenswerter-alter-Kacker-Tour den kleinen Scherz erlaubt, in dem Kreuz weniger das Deutsche als die Tetravalenz des Kohlenstoffs symbolisiert zu sehen - "aber wer", auf jedem Takt, wie ein Kapellmeister, die geöffneten Hände hebend, "wer, schickte, den, Traum?" Es ist bei Jamfs Fragen niemals klar, ob und wie rhetorisch er sie meint. "Wer schickte diese neue Schlange in unseren zerstörten Garten, der längst schon zu verschmutzt, zu überfüllt ist, um noch als Ort der Unschuld zu firmieren - es sei denn Unschuld wäre unser, unserer Zeit neutrales, schweigendes Hinübergleiten in die Mechanismen der Gleichgültigkeit - etwas, in das Kekules Schlange nicht als Zerstörerin, sondern als Maßstab des Verlustes kam ... Uns waren bestimmte Moleküle gegeben worden, dazu bestimmte Verknüpfungen, aber keine anderen ... wir machten uns zunutze, was wir in der Natur vorfanden, ohne Fragen zu stellen und vielleicht voller Scham - doch die Schlange flüsterte: Kann mir einer von Ihnen Sagen, was uns die Schlange außerdem noch flüsterte? Na-wer weiß es? Sie. Sagen Sie es mir, Pökler -" Sein Name fiel auf ihn wie ein Donnerschlag, und natürlich war es nicht Prof. Dr. Jamf, sondern ein Kollege vom selben Flur, der an diesem Morgen den Weckdienst versah. Ilse bürstete sich schon die Haare und lächelte ihn an. Seine tägliche Arbeit lief jetzt besser. Die anderen waren nicht mehr so fern, blickten ihm offener in die Augen. Sie hatten Ilse kennengelernt und waren bezaubert gewesen. Wenn er etwas anderes aus ihren Gesichtern zu lesen glaubte, so ignorierte er es.
    Dann kehrte er eines Abends von der Oie zurück, ängstlich erregt vor dem Abschuß des kommenden Tages, und fand seine Kammer leer. Ilse, die geblümte Tasche, die Kleider, die sie immer unordentlich auf dem Feldbett liegenließ, alles war verschwunden. Zurückgeblieben war ein elender Fetzen Logarithmenpapier (wie Pökler es so nützlich fand, den Schrecken der exponentiellen Kurven ins Lineare, Sichere zu zähmen), die gleiche Sorte, auf die sie immer Bilder von ihrem Mondhaus gezeichnet hatte. "Papi, sie wollen mich zurückhaben. Vielleicht darf ich dich wiedersehen. Hoffentlich. Ich hab dich lieb. Ilse."
    Kurt Mondaugen fand Pökler auf dem Feldbett, den Geruch des Kissens atmend, den er sich als den Duft ihres Haares vorstellte. Dann verlor er ein wenig die Beherrschung, sprach davon, Weißmann umzubringen, das Raketenprogramm zu sabotieren, seine Stelle aufzugeben und politisches Asyl in England zu suchen ... Mondaugen saß neben ihm und hörte zu, rauchte eine Pfeife, berührte ihn ein- oder zweimal und wartete, bis sich Pökler die Reihe der unmöglichen Alternativen endlich, um zwei oder drei Uhr früh, aus dem Kopf geredet, geweint, geflucht und mit der Faust ein Loch in die Zimmerwand geschlagen hatte,
    durch welches er seinen Nachbarn ungerührt weiterschnarchen hörte. Abgekühlt zum nur noch irritierten Selbstbewußtsein einer Technikerelite - "es sind Narren, können Sinus kaum von Kosinus unterscheiden, und mir wollen sie was erzählen!" -gab er endlich zu, ja, daß er abwarten mußte und sie tun lassen, was

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