Die Enden der Parabel
starrte hinauf in die elektrischen Lichtreflexe dieses Teils von Peenemünde, die auf sein Stück Zimmerdecke Prioritäten zeichneten, aufgegebene Träume, Wohlgefallen vor den Augen der Meisterphantasten in Berlin, während ihm Ilse manchmal Einschlafgeschichten von ihrem Leben auf dem Mond zuflüsterte, bis er schweigend in eine Welt hinübergesunken war, die mit dieser nichts mehr gemein hatte: eine Karte ohne nationale Grenzen, unsicher und erregend, wo das Fliegen so natürlich war wie das Atmen - aber ich werde fallen ... nein, du steigst, sieh nur hinunter, kein Grund mehr, dich zu fürchten, dieses Mal ist es gut... ja, stabil im Flug, es funktioniert ... ja...
Pökler mag heute nacht nur Zeuge sein - oder tatsächlich Teil davon. Man hat ihm nie gezeigt, was gilt. Also paßt auf. Es steht bevor, an die Adresse Friedrich August Kekule von Stradonitz, die Absendung des Traums von 1865, jenes berühmten Traums, der die Chemie revolutionierte und die I.G. erst möglich machte. Damit das richtige Material den Weg zum richtigen Träumer findet, muß jeder, der damit zu tun hat, jede Einzelheit genau an Ort und Stelle sein im System. Es war nett von Jung, uns die Vorstellung einer gemeinsamen Ursuppe zu geben, in der sich alle den gleichen Rohstoff ihrer Träume teilen. Wie kommt's dann aber, daß wir als Individuen beträumt werden, jeder genau mit dem, und nur dem, was er braucht? Setzt so etwas nicht eine Art Schaltsystem voraus, eine Bürokratie? Warum sollte die I.G. nicht an Seancen teilnehmen? Sie mußte sich doch ganz zu Hause fühlen bei den Bürokratien auf der anderen Seite. Kekules Traum wird über Weichen dirigiert, deren Zungen leicht durch ein Schweigen schwingen, voll hellen Widerstrebens, im Augenblick der Bewegung Fuß zu fassen, ein unvollkommenes, ein menschliches Leuchten, das, von hier gesehen, seltsam mit der binären Feierlichkeit der Entscheidungen dieser Agenten kontrastiert, die die kosmische Schlange jetzt in der violetten Pracht ihrer Schuppenglieder, einem Glänzen, das ganz gewiß nichts Menschliches an sich hat, passieren lassen, ohne dabei etwas zu empfinden, ohne auch nur zu staunen (ja, wenn man erst mal 'ne Zeitlang Dienst tut - was immer das auf dieser Seite auch bedeuten mag -, beginnen sich diese Archetypen alle ziemlich ähnlich zu sehen, nur manche von den Neulingen hört man noch plärren, den Burschen in der Zwillichkluft, die zum erstenmal dabei sind, "Wow! Hey- das is doch, ddder Baum der Schöpfung!Hä?
Nich wa? Meine Güte, das isser!", aber auch die beruhigen sich ziemlich bald, erlernen den Reflex, der das Glotzenwollen unterdrückt, ja, Selbstkritik ist eine erstaunliche Technik, sollte eigentlich gar nicht funktionieren, tut's aber...). Hier nun, hier Kekules Problem in Kurzfassung. Wollte Architekt werden und endete statt dessen als einer der Atlanten der Chemie, der mit seinem Kopf die Hauptlast des organischen Flügels dieses nützlichen Gebäudes trägt - nicht nur für die I. G., sondern die Welt, vorausgesetzt man macht die Unterscheidung, heh, heh... Wieder mal war's der Einfluß Justus von Liebigs, des großen Professors der Chemie, in dessen Namensstraße Pökler in München wohnte, als er an der TH studierte. Liebig lehrte an der Universität Gießen, als sich Kekule dort immatrikulierte. Er regte den jungen Mann an, sein Fachgebiet zu wechseln. So brachte Kekule das geistige Auge des Architekten mit in die Chemie. Es war eine entscheidende Veränderung. Liebig selbst scheint die Rolle einer Schleuse übernommen zu haben, eines sortierenden Dämons -wie ihn sein jüngerer Zeitgenosse Clerk Maxwell vorgeschlagen hat -, der die Energie in einem bevorzugten Raum der Schöpfung auf Kosten aller anderen zu konzentrieren half-(spätere Zeugen haben angedeutet, daß Clerk Maxwell mit seinem Dämon weniger eine Hilfsvorstellung für die Diskussion eines thermodynamischen Problems schaffen wollte als vielmehr ein Gleichnis für die tatsächliche Existenz von Leuten wie Liebig... welches Ausmaß die Unterdrückung zu diesem Zeitpunkt bereits erreicht hatte, können wir an dem Grad der Verschlüsselung ablesen, zu dem sich Maxwell bei seinen Warnungen gezwungen sah ... tatsächlich haben manche Theoretiker - meist dieselben, die auch hinter Mrs. Clerk Maxwells notorischem "Zeit zum Heimgehen, James, du fängst an, dich zu amüsieren!" eine finstere Bedeutung wittern - den extremistischen Verdacht geäußert, daß sogar die Feldgleichungen selbst eine dunkle
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