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Die Enden der Parabel

Titel: Die Enden der Parabel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Pynchon
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sonnenverklärten Bodhisattva-Gründen, die zu verstehen nicht Pöklers Sache war, oder auf der Basis einer tieferen Verbundenheit, die schon immer bestanden hatte... Sie standen auf dem Dach einer der Montagehallen, mit einem klaren Blick auf die Oie, zehn Kilometer vor der Küste, was einen Wetterumschlag für den nächsten Tag bedeutete. Irgendwo draußen in der Sonne wurde Stahl gehämmert, gehämmert in Kadenzen, rein wie ein Vogellied. Das blaue Peenemünde flimmerte nach allen Seiten, ein Traum aus Beton und Stahl, der die Mittagshitze reflektierte. Die Luft zitterte wie eine Tarnschicht. Unter ihr schien etwas anderes, Geheimes vorzugehen. Jeden Augenblick konnte sich die Illusion, auf der sie standen, in Nichts auflösen und sie zur Erde stürzen lassen. Pökler starrte über das Marschland, fühlte sich hilflos. "Ich muß etwas tun, nicht wahr?" "Nein. Du mußt warten." "Das ist nicht recht, Mondaugen." "Doch."
    "Was wird mit Ilse? Muß sie zurück?" "Ich weiß es nicht. Aber jetzt ist sie hier."
    So wählte Pökler, wie gewohnt, das Schweigen. Hätte er sich für etwas anderes entschieden, damals, als noch Zeit war, dann hätten sie sich vielleicht alle retten, sogar das Land verlassen können. Jetzt, da es zu spät war, da er endlich handeln wollte, gab es nichts zu handeln mehr.
    Nun, um ehrlich zu sein, allzuviel Zeit verbrachte er nicht damit, über den Neutralitäten der Vergangenheit zu grübeln. Er war sich schließlich auch nicht allzu sicher, ob er sie schon ausgewachsen hatte.
    Sie machten Spaziergänge, er und Ilse, die stürmische Küste entlang - fütterten Enten, erforschten die Kiefernwälder. Ilse erhielt sogar die Erlaubnis, bei einem Abschuß zuzuschauen. Das war eine Botschaft an ihn, die er aber später erst verstand: Sie bedeutete, daß die Geheimhaltung durch Ilse nicht gefährdet war - daß sie niemandem davon erzählen konnte, bei dem es noch etwas ausmachte. Das Brüllen der Rakete riß an ihnen. Zum erstenmal drückte sie sich da an ihn und hielt ihn fest. Er fühlte, daß er sich an sie klammerte. Das Triebwerk hatte vorzeitigen Brennschluß, und die Rakete zerschellte drüben auf dem Luftwaffengelände, in Peenemünde-West. Eine schmutzige Säule aus Rauch trieb heulende Feuerwehren und Wagenladungen von Helfern in wilder Parade an ihnen vorüber. Sie tat einen tiefen Atemzug und quetschte seine Hand. "Hast du gemacht, daß das passiert ist, Papi?"
    "Nein, es war nicht vorgesehen. Sie sollte in einer großen Kurve davonfliegen." Er schwang den Arm empor und zog eine Parabelspur, die die Prüfstände und Montagehallen einschloß und zusammenzog, so wie die Kreuze, die Priester in die Luft schlagen, die gaffende Gemeinde hinter ihnen vierteln und zerteilen ... "Wo fliegt sie hin?" "Wohin wir es ihr sagen."
    "Werd ich einmal in ihr fliegen dürfen? Ich würde hineinpassen, oder?"
    Sie fragte unmögliche Fragen. "Eines Tages", vertröstete sie Pökler. "Eines Tages
    vielleicht bis zum Mond."
    "Zum Mond ...", als wollte er ihr ein Märchen erzählen. Als keines folgte, erfand sie es sich selber. Der Ingenieur im Nachbarzimmer hatte eine Mondkarte an seine Holzfaserwand geheftet, vor der sie Stunden verbrachte, um sich den Platz auszusuchen, wo sie leben wollte. Über die leuchtenden Strahlen von Kepler, die zerklüftete Einsamkeit des südlichen Hochlands, die spektakulären Bilder von Kopernikus und Eratosthenes glitt sie mit ihrem Finger und entschied sich endlich für einen hübschen kleinen Krater im Meer der Stille namens Maskelyne B. Dort würden sie ein Haus bauen, direkt am Rand, Mutti und sie und Pökler, mit goldenen Bergen vor dem einen Fenster und vor dem anderen das weite Meer. Und die Erde, grün und blau, am Himmel ...
    Hätte er ihr sagen sollen, was die "Meere" auf dem Mond in Wirklichkeit waren? Ihr erklären, daß es keine Luft zum Atmen gab? Seine Unwissenheit erschreckte ihn, sein Überfordertsein als Vater ... In den Nächten in der kleinen Kammer, während Ilse einen Meter neben ihm eingerollt auf einem Feldbett aus Segeltuch lag, ein kleines graues Eichhörnchen unter ihrer Decke, fragte er sich immer wieder, ob es nicht besser für sie war, unter der Obhut des Reichs zu stehen. Er hatte von den Lagern gehört, aber er sah nichts Schlimmes darin: Er nahm die Regierung bei ihrem Wort - "Umerziehung". Ich habe so ein Schlamassel gemacht aus allem... dort gibt es qualifiziertes Personal ... geschulte Spezialisten ... sie werden wissen, was ein Kind braucht... er

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