Die Geliehene Zeit
gewollt.« Ich biß mir auf die Lippen und senkte die Augen. Ruhig und sachlich sprach er weiter.
»Ich hätte nicht gedacht, daß du das Lager mit Louis teilen wolltest, oder?«
»Nein!«
»Aye.« Er nahm einen Grashalm zwischen beide Daumen und konzentrierte sich darauf, ihn langsam mit den Wurzeln auszureißen. »Ich war auch wütend. Und mir war elend zumute, und es tat mir leid.« Der Grashalm löste sich mit einem leisen Quietschen aus der Erde.
»Als es mit mir geschah«, fuhr er fast im Flüsterston fort, »dachte ich, du könntest die Vorstellung nicht ertragen, und ich hätte dir keinen Vorwurf daraus gemacht. Ich wußte, daß du dich von mir abwenden würdest, und ich wollte dich fortschicken, damit ich den Ekel und den Schmerz in deinem Gesicht nicht zu sehen brauchte.« Er schloß die Augen und führte den Grashalm fast bis an die Lippen.
»Aber du wolltest nicht gehen. Du hast mich an deine Brust genommen und mich umsorgt. Du hast mich geheilt. Und trotzdem geliebt.« Unsicher atmete er ein und wandte mir wieder sein Gesicht zu. In seinen Augen glitzerten Tränen.
»Ich dachte, vielleicht brächte ich es über mich, für dich zu tun, was du für mich getan hast. Und aus diesem Grund bin ich schließlich doch nach Fontainebleau gekommen.«
Er blinzelte, und seine Augen wurden wieder klar.
»Als du mir gesagt hast, es sei nichts geschehen, habe ich dir ein wenig geglaubt, weil es so schön gewesen wäre. Aber dann... sah ich es, Claire. Ich konnte mir nichts vormachen, und ich wußte, daß du gelogen hast. Ich dachte, du hast nicht genug Vertrauen in meine Liebe oder... daß du ihn wirklich wolltest und Angst hattest, ich könnte es merken.«
Er ließ den Grashalm fallen, und sein Kopf sank nach vorn auf seine Arme.
»Du sagst, du wolltest mich verletzen. Die Vorstellung, daß du beim König liegst, hat schlimmer weh getan als das Brandmal auf meiner Brust oder die Peitschenhiebe auf meinem nackten Rücken. Aber das Wissen, daß du nicht genug Vertrauen in meine Liebe setzt, ist wie das Erwachen nach dem Würgen des Stranges, um das Schlachtmesser in meinem Bauch zu spüren. Claire...« Er preßte die Lippen fest aufeinander, bis er die Kraft fand, weiterzusprechen.
»Ich weiß nicht, ob die Wunde tödlich ist, aber Claire... wenn ich dich ansehe, ist mir, als müßte ich verbluten.«
Das Schweigen zwischen uns wurde undurchdringlich wie eine Mauer. Die Luft vibrierte vom leisen Summen eines Insekts.
Reglos wie ein Fels saß Jamie da und starrte mit ausdruckslosem Gesicht auf den Boden. Ich konnte diesen Anblick und die Vorstellung, was in seinem Kopf vorgehen mußte, nicht ertragen. In der Laube hatte ich eine Ahnung von Jamies verzweifeltem Zorn bekommen, und mir wurde flau bei dem Gedanken an diese Wut, die er mit einer solch erschreckenden Kraftanstrengung meisterte. Doch damit dämpfte er nicht nur die Wut, sondern auch Vertrauen und Freude.
Verzweifelt suchte ich nach einer Möglichkeit, das Schweigen zu brechen, das zwischen uns stand. Jamie setzte sich auf, verschränkte die Arme und blickte mit abgewandtem Gesicht auf das friedliche Tal hinaus.
Lieber Gewalt, dachte ich, als Schweigen. Über den Abgrund hinweg streckte ich die Hand nach ihm aus und griff nach seinem Arm. Er fühlte sich sonnenwarm und lebendig an.
»Jamie«, flüsterte ich. »Bitte.«
Langsam drehte er sich zu mir um. Sein Gesicht wirkte immer noch ruhig, doch seine schmalen Katzenaugen wurden noch schmaler, als er mich schweigend anblickte. Schließlich streckte er die Hand aus und packte mich am Handgelenk.
»Du willst also, daß ich dich schlage?« fragte er leise. Sein Griff war so hart, daß ich unwillkürlich zusammenzuckte und versuchte, mich loszureißen. Er aber rückte ein Stück ab und zerrte mich dabei über das rauhe Gras zu sich, so daß sich unsere Körper berührten.
Ich zitterte und bekam eine Gänsehaut, aber schließlich brachte ich das Wort über die Lippen.
»Ja«, sagte ich.
Seine Miene war undurchdringlich. Unverwandt sah er mir in die
Augen, während er mit seiner freien Hand zwischen den Steinen herumtastete, bis er ein Bündel Brennesseln gefunden hatte. Er hielt die Luft an, als er die Stengel berührte, dann biß er die Zähne zusammen und riß die Pflanzen mit den Wurzeln aus dem Boden.
»Die Bauern in der Gascogne schlagen ein treuloses Weib mit Brennesseln«, erklärte er. Sachte strich er mir mit den zackigen Blättern über die Brust. Der jähe Schmerz nahm mir den Atem, und
Weitere Kostenlose Bücher