Die Geliehene Zeit
zurück.
»Claire«, sagte er leise. »Ach, Claire. Du hast dich mir von Anfang an ganz hingegeben, du hast nichts zurückgehalten. Das hast du nie getan. Als ich dich um Ehrlichkeit bat, sagte ich dir, daß du nicht lügen kannst. Wenn ich dich so berührte...« Seine Hand umfaßte meinen Po, und ich zuckte bei der unerwarteten Berührung zusammen.
»Wie lange liebe ich dich nun schon?« fragte er ganz ruhig. »Ein Jahr? Seit dem Augenblick, als ich dich sah. Und wie oft habe ich deinen Körper geliebt? Dreihundertmal, oder öfter?« Er streichelte mich mit einem Finger, der zart wie ein Schmetterlingsflügel meinen Arm hinaufglitt, über die Schulter und den Brustkorb hinunter, bis ich anfing zu zittern, von ihm wegrollte und ihn ansah.
»Du bist nie vor meinen Händen zurückgeschreckt.« Seine Augen verfolgten den Weg, den sein Finger genommen hatte, und ruhten dann auf meiner Brust. »Auch nicht beim erstenmal, wo du es ruhig hättest tun können, es hätte mich nicht überrascht. Aber du bist nicht zurückgeschreckt. Du hast mir alles gegeben, von Anfang an, und nichts zurückgehalten, mir nichts verweigert. Aber jetzt...«, sagte er und zog seine Hand zurück. »Zuerst dachte ich, es ist nur, weil du das Kind verloren hast, und du dich nach der langen Trennung vor mir scheust. Aber dann wußte ich, daran liegt es nicht.«
Es folgte ein langes Schweigen. Ich spürte meinen stetigen Herzschlag und hörte den Wind in den Kiefern unter uns rauschen. Aus der Ferne drangen Vogelrufe zu uns. Ich wünschte, ich wäre ein Vogel. Oder wenigstens weit weg.
»Warum?« fragte er leise. »Warum willst du mich anlügen? Wo ich doch ohnehin glaubte, es zu wissen, als ich zu dir kam?«
Ich starrte auf meine Hände, die ich unter meinem Kinn gefaltet hatte, und schluckte.
»Wenn...«, begann ich und schluckte wieder. »Wenn ich dir
erzählt hätte, daß ich mit Louis... dann hättest du Fragen gestellt. Ich dachte, du könntest es nicht vergessen... verzeihen vielleicht, aber du würdest es nie vergessen, und es würde immer zwischen uns stehen.« Noch einmal schluckte ich schwer. Trotz der Hitze waren meine Hände kalt, und ich hatte einen Eisklumpen im Magen. Aber wenn ich ihm jetzt die Wahrheit sagte, mußte ich ihm alles sagen.
»Wenn du mich gefragt hättest... und das hast du, Jamie! Dann hätte ich darüber reden müssen, es wieder lebendig werden lassen, und ich hatte Angst...« Ich verlor den Faden, brachte kein Wort mehr heraus, aber er ließ nicht locker.
»Angst wovor?«
Ich drehte den Kopf ein wenig zur Seite, mied seinen Blick, sah aber hinter dem lichtdurchfluteten Vorhang meiner Haare die Konturen seines Körpers dunkel und bedrohlich vor der Sonne.
»Angst, dir zu sagen, warum ich es getan habe«, erwiderte ich leise. »Jamie, ich mußte es tun, um dich aus der Bastille zu holen. Dafür hätte ich auch Schlimmeres getan. Aber dann... und danach... hoffte ich fast, daß es dir jemand erzählen würde, daß du es herausfinden würdest. Ich war so wütend, Jamie, wegen des Duells und wegen des Babys. Und weil du mich gezwungen hattest, es zu tun... zu Louis zu gehen. Ich wollte etwas tun, um dich von mir fernzuhalten, um sicherzugehen, daß ich dich nie wiedersehe. Ich habe es auch getan... weil ich dich verletzen wollte«, flüsterte ich.
Sein Mund zuckte, aber er starrte weiter auf seine verschränkten Hände. Der Abgrund zwischen uns, so mühsam überbrückt, hatte sich wieder aufgetan.
»Aye. Das ist dir gelungen.«
Die Lippen fest aufeinandergepreßt, schwieg er eine Weile. Schließlich drehte er sich zu mir um und sah mir in die Augen. Ich wäre seinem Blick gern ausgewichen, konnte aber nicht.
»Claire«, sagte er leise. »Was hast du empfunden... als ich Jack Randall meinen Körper überließ? Als ich mich ihm auslieferte, in Wentworth?«
Der Schreck fuhr mir in alle Glieder. Mit dieser Frage hatte ich am wenigsten gerechnet. Mehrmals machte ich den Mund auf und wieder zu, bevor ich eine Antwort fand.
»Ich... weiß es nicht«, erklärte ich matt. »Ich dachte nicht
darüber nach. Wütend war ich natürlich. Wutentbrannt, außer mir. Und elend war mir zumute. Ich hatte Angst um dich. Und... du hast mir leid getan.«
»Warst du eifersüchtig? Als ich dir später davon erzählt habe... daß er mich erregt hat, obwohl ich es nicht wollte?«
Ich holte tief Luft. Das Gras kitzelte mich an der Brust.
»Nein. Zumindest glaube ich es nicht. Damals nicht. Schließlich hast du es ja nicht...
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