Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen

Die Geliehene Zeit

Titel: Die Geliehene Zeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
Vom Netzwerk:
mußt ihm beistehen, damit er den Kampf gewinnt.«
    Jenny hatte recht, doch in meinem Schock gelang es mir nicht sofort, den Sinn ihrer Worte zu erfassen. Die Veröffentlichung dieses Bündnisvertrags brandmarkte jene, die unterzeichnet hatten, als Rebellen und Verräter. Es spielte jetzt keine Rolle mehr, wie Charles bis an diesen Punkt hatte gelangen können oder wie er die Mittel dafür aufgetrieben hatte; er hatte sich zur Rebellion entschlossen, und Jamie - und damit auch ich - saßen nolens volens mit ihm in einem Boot. Wie Jenny gesagt hatte: Wir hatten keine andere Wahl.
    Mein Blick fiel auf den Brief von Charles, den Jamie hatte sinken lassen. »... auch wenn viele sagen, es wäre töricht, mich ohne Hilfe von Louis - oder au moins seiner banques - auf dies Werk einzulassen. Ich werde niemals erwägen, wieder dorthin zurückzukehren, woher ich kam«, hieß es darin. »Freuen Sie sich mit mir, my dear friend, denn ich kehre in die Heimat zurück.«

35
    Im Mondschein
    Mit den Vorbereitungen zum Aufbruch wuchs die Aufregung, die allmählich den ganzen Gutshof erfaßte. Waffen, die seit dem Aufstand von 1715 gehortet worden waren, wurden aus ihren Verstekken hervorgeholt, poliert und geschliffen. Wenn sich die Männer zufällig begegneten, blieben sie stehen, steckten in der heißen Augustsonne die Köpfe zusammen und führten ernste Gespräche. Die Frauen beobachteten sie und wurden immer schweigsamer.
    Jenny war ebenso verschlossen und undurchschaubar wie ihr Bruder, sie ließ nicht durchblicken, was sie dachte. Ich, deren Seelenleben glasklar zutage trat, neidete den beiden diese Fähigkeit. Als Jenny mich eines Morgens bat, Jamie zu ihr ins Brauhaus zu schicken, hatte ich keine blasse Ahnung, was sie von ihm wollte.
    Da stand nun Jamie hinter mir auf der Türschwelle des Brauhauses, während seine Augen sich an das Dunkel gewöhnten. Er holte tief Luft und sog den bitteren Geruch mit sichtlichem Genuß ein.
    »Aah«, sagte er und seufzte verträumt. »Schon allein vom Duft könnte ich betrunken werden.«
    »Na, dann halt einen Augenblick die Luft an, denn ich brauche dich in nüchternem Zustand«, bemerkte seine Schwester spitz.
    Folgsam sog er die Lungen voll und hielt mit aufgeblähten Bakken den Atem an. Jenny knuffte ihn energisch mit dem Griff ihres Maischestampfers in den Bauch, worauf Jamie sich schnaufend zusammenkrümmte.
    »Du Clown«, sagte sie nur. »Ich wollte mit dir über lan sprechen.«
    Jamie nahm einen leeren Eimer vom Gestell, drehte ihn um und setzte sich darauf.
    »Was ist mit lan?« fragte er.
    Jetzt war es an Jenny, tief Luft zu holen. Der großen, mit Maische
gefüllten Wanne, die vor ihr stand, entströmte eine feuchte Wärme. Es roch nach gärendem Getreide, nach Hopfen und Alkohol.
    »Ich möchte, daß du lan mitnimmst, wenn du gehst.«
    Jamie runzelte die Stirn, schwieg aber. Jenny hielt den Blick starr auf den Maischestampfer gerichtet, mit dem sie die Mischung in der Wanne bearbeitete. Er sah sie nachdenklich an.
    »Du bist wohl deiner Ehe überdrüssig?« fragte er in beiläufigem Plauderton. »Da wäre es einfacher, wenn ich ihn in den Wald bringen und für dich erschießen würde.« Seine blauen Augen begegneten den ihren.
    »Wenn ich will, daß jemand erschossen wird, Jamie Fraser, so mache ich das schon selbst. Und lan wäre bestimmt nicht mein erstes Ziel.«
    Er schnaubte und verzog den Mund.
    »Ach? Und weshalb dann?«
    »Weil ich dich darum bitte.«
    Jamie strich sich gedankenverloren über die ungleichmäßige Narbe an seinem rechten Mittelfinger.
    »Es ist gefährlich, Jenny«, erwiderte er ruhig.
    »Das weiß ich.«
    Jamie schüttelte langsam den Kopf, ohne von seiner Hand aufzublicken. Die Wunde war verheilt, und er konnte die Hand normal gebrauchen, auch wenn der steife Ringfinger und das wuchernde Gewebe der Narbe auf dem Handrücken sie verkrüppelt aussehen ließ.
    »Du glaubst, du wüßtest es.«
    »Ich weiß es, Jamie.«
    Er hob den Kopf. Sein Blick verriet Ungeduld, doch er bemühte sich, gelassen zu bleiben.
    »Aye, lan hat dir gewiß von den Kämpfen in Frankreich erzählt und solche Geschichten. Aber du hast keine Ahnung, wie es wirklich ist, Jenny. Mo cridh , es ist nicht wie beim Viehdiebstahl. Es ist Krieg, und es wird ein furchtbares Gemetzel geben. Es ist...«
    Der Maischestampfer stieß klappernd an den Rand der Wanne und rutschte hinein.
    »Sag nicht, ich wüßte nicht, wie es ist!« fuhr ihn Jenny wütend an. »Geschichten, was? Wer, meinst du, hat

Weitere Kostenlose Bücher