Die Geliehene Zeit
Jamie von Jared und noch einer, ein dicker, cremefarbener Bogen, versiegelt mit dem königlichen Siegel des Hauses Stuart. Wahrscheinlich eine erneute Klage von Charles über die Unbilden des Pariser Lebens und die Qualen verschmähter Liebe. Diesmal schien sein Brief wenigstens nicht so lang zu sein; gewöhnlich waren es mehrere Seiten, auf denen Charles dem » cher Jamie« sein Herz ausschüttete - in einem fehlerhaften Kauderwelsch aus vier Sprachen, das darauf schließen ließ, daß er bei seiner persönlichen Korrespondenz auf die Hilfe eines Sekretärs verzichtete.
»Oh, drei französische Romane und ein Gedichtband aus Paris!« rief Jenny aufgeregt aus, als sie das Päckchen geöffnet hatte. »C’est un embarras de ricbesse , hm? Welchen lesen wir heute abend?« Sie hob den kleinen Bücherstapel hoch und strich freudig erregt über
den weichen Ledereinband des obersten Buches. Jenny liebte Bücher mit derselben Leidenschaft, die ihr Bruder für Pferde empfand. Das Gut besaß eine ansehnliche kleine Bibliothek, und war auch die freie Zeit zwischen Arbeit und Schlafengehen kurz bemessen, so blieb doch immer noch Zeit für ein paar Minuten Lektüre.
»Da hat man etwas, worüber man während der Arbeit nachdenken kann«, erklärte Jenny, als sie eines Abends vor Müdigkeit kaum noch die Augen offenhalten konnte. Ich drängte sie, schlafen zu gehen, statt weiter aufzubleiben und Ian, Jamie und mir laut vorzulesen. Sie gähnte und hielt sich dabei die Faust vor den Mund. »Auch wenn ich schrecklich müde bin und kaum noch die Buchstaben auf der Seite sehe, erinnere ich mich am nächsten Tag beim Buttern, Spinnen oder Walken an das, was ich gelesen habe, und im Geist schlage ich sogar die Seiten um.«
Bei der Erwähnung des Walkens mußte ich mir ein Schmunzeln verkneifen. Die Frauen von Lallybroch waren bestimmt die einzigen im Hochland, die ihre Wolle nicht nur zu den alten überlieferten Liedern, sondern auch zu den Versen von Molière und Piron walkten.
Deutlich sah ich ein Bild des Schuppens vor mir, in dem die Frauen einander in zwei Reihen gegenübersaßen, barfuß und in ihren ältesten Kleidern, und sich gegen die Wände lehnten und mit den Füßen gegen die tropfnasse Wolltuchbahn schlugen. Auf diese Weise entstand das dichte, filzige Gewebe, das der Hochlandnebel und selbst leichter Regen nicht zu durchdringen vermag.
Hin und wieder stand eine der Frauen auf und holte von draußen den Kessel mit dem dampfenden Urin vom Feuer. Mit geschürztem Rock schleppte sie den Kessel in die Mitte des Raumes, stellte sich breitbeinig hin und goß den Inhalt auf das Tuch zwischen ihren Beinen. Die heißen, erstickenden Dämpfe stiegen aus der nassen Wolle auf, während die Walkerinnen ihre Füße vor den Spritzern in Sicherheit brachten und grobe Scherze machten.
»Heißer Urin fixiert die Farbe«, hatte mir eine der Frauen erklärt, als ich voller Erstaunen zum erstenmal den Schuppen betrat. Zuerst hatten die anderen Frauen neugierig aufgeblickt und beobachtet, ob ich vor einer derartigen Arbeit zurückschrecken würde, aber Wollewalken war für mich kein großer Schock - nach allem, was ich in Frankreich gesehen und erlebt hatte, im Krieg 1944 und im Spital 1944. Die grundlegenden Erfahrungen des Lebens sind zu
allen Zeiten gleich. Und einmal abgesehen von dem scharfen Geruch, war der Schuppen ein warmer, gemütlicher Ort. Die Frauen plauderten, scherzten und sangen, während sie ihre nackten Füße in den dampfenden Stoff einsinken ließen.
Ich wurde durch das Geräusch schwerer Stiefel im Flur aus meinen Gedanken gerissen. Ein Schwall kalter, feuchter Luft schwappte herein, als die Tür aufging. Ich hörte die Stimmen von Jamie und Ian, die Gälisch miteinander sprachen - in jener behäbigen, unspektakulären Art, die bedeutete, daß sie über die Landwirtschaft redeten.
»Dieser Acker muß nächstes Jahr entwässert werden«, sagte Jamie, während sie zur Tür hereinkamen. Als Jenny die beiden erblickte, legte sie die Post auf den Tisch und holte frische Leinenhandtücher aus der Truhe im Flur.
»Trocknet euch ab, bevor ihr den ganzen Teppich naßtropft«, sagte sie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, und reichte jedem ein Handtuch. »Und zieht eure schmutzigen Stiefel aus. Die Post ist gekommen, Ian - für dich ist ein Brief von dem Mann aus Perth dabei, dem du wegen der Saatkartoffeln geschrieben hattest.«
»Aye? Ich lese ihn gleich, aber können wir nicht zuerst etwas zu essen haben?«
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