Die Geliehene Zeit
als mein wichtigstes Amulett.
Ein Geschenk zu unserem ersten Hochzeitstag. Wir hatten natürlich im Juli geheiratet, nicht im Dezember. Aber an unserem ersten Hochzeitstag hatte Jamie in der Bastille gesessen, während ich... in den Armen des Königs von Frankreich lag. Nicht der richtige Zeitpunkt, um das eheliche Glück zu feiern.
»Das Jahr geht zu Ende, bald ist Silvester«, sagte Jamie und sah aus dem Fenster; sanft fiel der Schnee und deckte die Felder von Lallybroch zu. »Es schien mir eine gute Zeit für einen Anfang.«
»Das glaube ich auch.« Ich trat zu ihm ans Fenster und legte ihm die Arme um die Hüfte. So blieben wir stehen, schweigend, bis mein Blick auf die anderen kleinen gelblichen Klumpen fiel, die Jamie aus seiner Felltasche geholt hatte.
»Und was ist das, Jamie?« fragte ich und zeigte darauf.
»Ach, das? Das sind Honigkugeln, Sassenach.« Er nahm eine davon in die Hand und wischte sie mit dem Finger sauber. »Mrs. Gibson im Dorf hat sie mir gegeben. Sehr gut, obwohl sie, wie ich fürchte, in meiner Tasche ein bißchen staubig geworden sind.« Er streckte mir die hohle Hand hin. »Magst du eine?«
34
Wenn der Postmann zweimal klingelt
Ich wußte nicht, was Ian Jenny von seinem Gespräch mit Jamie draußen im Schnee erzählt hatte. Sie verhielt sich jedenfalls ihrem Bruder gegenüber nicht anders als vorher - nüchtern und zartbitter, mit einem Hauch liebevoller Neckerei. Ich kannte sie jedoch lange genug, um zu wissen, daß es zu Jennys größten Talenten gehörte, etwas mit äußerster Klarheit wahrzunehmen - und dann einfach hindurchzusehen, als wäre es gar nicht vorhanden.
Die Beziehung zwischen uns vieren entwickelte sich ständig weiter, und im Laufe der Monate entstand ein starkes Band, das auf Freundschaft gründete und in der Arbeit wurzelte. Gegenseitige Achtung und gegenseitiges Vertrauen waren einfach notwendig - es gab soviel zu tun.
Als Jennys Entbindung näher rückte, übernahm ich mehr und mehr häusliche Pflichten, und sie überließ mir immer häufiger die Führung. Es wäre mir jedoch niemals in den Sinn gekommen, ihren Platz einnehmen zu wollen. Seit dem Tod ihrer Mutter war sie die Seele von Haus und Hof, und die Dienstboten und Pächter kamen meistens zu ihr, wenn sie etwas benötigten. Dennoch gewöhnten sie sich nach und nach auch an mich und behandelten mich mit freundlicher, teils ehrfürchtiger, teils zutraulicher Achtung.
Die erste Arbeit im Frühjahr war das Kartoffellegen. Über die Hälfte der Felder war für den Kartoffelanbau vorgesehen - eine Entscheidung, deren Richtigkeit bald durch einen Hagelsturm bestätigt wurde, der die jungen Gerstenpflänzchen zerstörte. Die niedrigen Kartoffelstauden überstanden das Unwetter ohne Schaden.
Das zweite große Ereignis des Frühjahrs war die Geburt von Jennys und Ians zweiter Tochter Katherine Mary. Sie kam mit einer so blitzartigen Geschwindigkeit zur Welt, daß jedermann überrascht war, sogar Jenny. Eines Tages klagte Jenny über Rückenschmerzen
und legte sich ins Bett. Doch schon wenig später wurde klar, was wirklich los war, und Jamie holte eilends Mrs. Martins, die Hebamme. Die beiden trafen gerade noch rechtzeitig ein, um mit einem Gläschen Wein auf die Ankunft der neuen Erdenbürgerin anzustoßen.
So nahm das Jahr seinen Lauf, die Natur erblühte, und auch ich blühte auf, und meine letzten Wunden verheilten.
Die Post traf sehr unregelmäßig ein, manchmal kam sie einmal pro Woche, manchmal einen Monat lang gar nicht. Doch angesichts der langen Wege, die ein Bote zurücklegen mußte, um die Post im Hochland abzuliefern, hielt ich es für ein Wunder, daß überhaupt Briefe ankamen.
An diesem Tag traf jedoch ein großer Stapel Briefe und Bücher ein, die zum Schutz gegen Unwetter in Ölpapier eingeschlagen und fest verschnürt waren. Jenny schickte den Boten in die Küche, damit er sich dort stärke, löste vorsichtig den Knoten und steckte, sparsam, wie sie war, die Schnur in ihre Rocktasche. Dann legte sie ein verführerisch aussehendes Paket aus Paris beiseite und ging zunächst einmal den Briefstapel durch.
»Ein Brief für Ian - das wird die Rechnung für das Saatgut sein - und einer von Tante Jocasta - wie schön. Wir haben seit Monaten nichts von ihr gehört, aber der festen Schrift nach zu urteilen, geht es ihr gut.«
Jenny legte den Brief auf ihren Stapel, ebenso einen Brief von einer der verheirateten Töchter Jocastas. Dann war da noch ein Brief für Ian aus Edinburgh, einer für
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