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Die Geliehene Zeit

Titel: Die Geliehene Zeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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fragte Ian und rieb sich den Kopf mit dem Handtuch trocken. »Ich bin am Verhungern, und ich höre Jamies Magen bis hierher knurren.«
    Jamie schüttelte sich wie ein nasser Hund, und seine Schwester protestierte mit einem spitzen Schrei, als die Tropfen überall im Flur herumspritzten. Sein Hemd klebte ihm am Körper, und sein nasses Haar hing ihm in die Augen.
    Ich legte ihm das Handtuch um die Schultern. »Trockne dich ab, ich hole inzwischen etwas zu essen.«
    Ich stand in der Küche, als ich ihn aufschreien hörte. Niemals zuvor hatte ich einen solchen Laut aus seinem Mund vernommen. In seiner Stimme lagen Schock und Entsetzen und noch etwas - etwas fatalistisch Ergebenes, wie der Schrei eines Menschen, der sich in den Klauen eines Tigers rettungslos verloren glaubt. Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, rannte ich durch den Flur in das Wohnzimmer, ein Tablett mit Haferkuchen in der Hand.
    Als ich eintrat, stand er am Tisch, auf den Jenny die Post gelegt
hatte. Sein Gesicht war kreidebleich, und er taumelte wie ein entwurzelter Baum.
    »Was ist?« rief ich, zu Tode erschrocken bei diesem Anblick. »Jamie, was ist? Was ist los!?«
    Mit sichtlicher Anstrengung nahm er einen Brief vom Tisch und reichte ihn mir.
    Ich stellte das Tablett ab, griff nach dem Blatt Papier und überflog es rasch. Es war Jareds Brief. »Mein lieber Cousin«, las ich, »... hocherfreut, kann meine Bewunderung gar nicht mit Worten ausdrücken... Dein Mut und Deine Tapferkeit werden mir ein Ansporn sein... von Erfolg gekrönt... meine Gebete werden Dich begleiten...« Ich blickte verwirrt von dem Brief auf. »Wovon um Himmels willen spricht er? Was hast du getan, Jamie?«
    Er grinste freudlos und reichte mir ein weiteres Blatt Papier, diesmal ein billig bedrucktes Flugblatt.
    »Es geht nicht darum, was ich gemacht habe, Sassenach«, erwiderte er. Das Flugblatt trug das Wappen des Königshauses der Stuarts. Die Botschaft, die es enthielt, war knapp und feierlich.
    Durch den Ratschluß des Allmächtigen Gottes, hieß es darin, mache König James VIII. von Schottland und der III. von England und Irland hiermit seinen rechtmäßigen Anspruch auf den Thron der drei Königreiche geltend. Hiermit hätten auch die Oberhäupter der Hochlandclans, die jakobitischen Lords sowie »weitere treue Untertanen seiner Majestät König James ihre Unterstützung zugesichert, indem sie ihre Namen unter diesen Bündnisvertrag setzten«.
    Mir wurde eiskalt, als ich dies las, und eine lähmende Angst stieg in mir auf, die mir beinahe die Luft abschnürte. Meine Ohren dröhnten, und mir wurde schwarz vor Augen.
    Das Blatt war unterzeichnet von den schottischen Clanoberhäuptern, die damit aller Welt ihre Treue zu Charles Stuart erklärten und ihr Leben und ihr Ansehen dem Erfolg seiner Sache widmeten. Unter anderem standen da die Namen Clanranald und Glengarry, Stewart von Appin, Alexander MacDonald von Keppoch, Angus MacDonald von Scotus.
    Und ganz unten: »James Alexander Malcolm MacKenzie Fräser von Broch Tuarach.«
    »Jesus H. Roosevelt Christ« , flüsterte ich und wünschte, mir fiele ein stärkerer Fluch ein, mit dem ich mir hätte Luft machen
können. »Der verdammte Dreckskerl hat einfach deinen Namen daruntergesetzt!«
    Jamie stand da, bleich und angespannt, doch er erholte sich allmählich von seinem Schrecken.
    »Das hat er«, entgegnete er kurz. Er griff nach dem anderen Brief, der noch ungeöffnet auf dem Tisch lag - schweres Pergament mit dem Wappen der Stuarts auf dem Wachssiegel. Ungeduldig riß Jamie den Brief auf, überflog ihn hastig und legte ihn dann auf den Tisch, als hätte er sich daran verbrannt.
    »Eine Ausrede«, sagte er heiser. »Aus Zeitmangel hat er mir das Dokument angeblich nicht schicken können, damit ich es selbst unterzeichne. Und seine Dankbarkeit für meine treue Unterstützung. Claire, um Himmels willen, was soll ich bloß machen?«
    Es war ein verzweifelter Hilferuf, und ich wußte keine Antwort darauf. Ohnmächtig sah ich zu, wie er auf ein Kniekissen sank und reglos ins Feuer starrte.
    Jenny, die die Szene wie versteinert beobachtet hatte, nahm jetzt den Brief und das Flugblatt und las sie aufmerksam. Dann legte sie die Schriftstücke behutsam auf den blankpolierten Tisch zurück. Mit finsterer Miene ging sie zu ihrem Bruder und legte ihm die Hand auf die Schulter.
    »Jamie«, sagte sie leise. Ihr Gesicht war blaß. »Du kannst nur eins machen, mein Lieber. Du mußt losziehen und für Charles Stuart kämpfen. Du

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