Die Hyperion-Gesänge 02 - Der Sturz von Hyperion
kein Jesuit je beichten mußte. Er war noch gütiger, mir zu glauben. Jetzt haben Sie alles gehört. Das ist meine Geschichte.«
Das Gewitter war weitergezogen. Wir drei saßen bei Kerzenschein unter der Kuppel von St. Peter und sagten eine ganze Weile nichts.
»Das Shrike hat Zugang zum Netz«, sagte ich schließlich.
Durés Blick blieb gelassen. »Ja.«
»Es muß ein Schiff im Raum um Hyperion gewesen sein ...«
»So scheint es.«
»Dann können wir vielleicht dorthin zurück. Mit der ... Papsttür? – in den Raum um Hyperion.«
Monsignore Edouard zog eine Braue hoch. »Möchten Sie das, M. Severn?«
Ich kaute auf einem Knöchel. »Ich habe mit dem Gedanken gespielt.«
»Warum?« fragte der Monsignore leise. »Ihr Konterpart, die Cybridpersönlichkeit, die Brawne Lamia mit auf die Pilgerfahrt genommen hat, fand nur den Tod dort.«
Ich schüttelte den Kopf, als könnte ich durch diese simple Geste Ordnung ins Durcheinander meiner Gedanken bringen. »Ich spiele eine wichtige Rolle. Ich weiß nur noch nicht welche ... oder wo ich sie spielen soll.«
Paul Duré lachte humorlos. »Das Gefühl kennen wir alle. Man kommt sich vor, als würde ein mieser Drehbuchautor etwas über Vorbestimmung schreiben. Was ist nur aus dem freien Willen geworden?«
Der Monsignore sah seinen Freund stechend an. »Paul, alle Pilger – du selbst – sind mit der Entscheidung konfrontiert worden, die du aus freien Stücken getroffen hast. Große Mächte mögen den allgemeinen Lauf der Ereignisse lenken, aber menschliche Persönlichkeiten bestimmen immer noch ihr eigenes Schicksal.«
Duré seufzte. »Möglich, Edouard. Ich weiß nicht. Ich bin sehr müde.«
»Wenn Ummons Geschichte wahr ist«, sagte ich, »wenn der dritte Bestandteil dieser menschlichen Gottheit in unsere Zeit geflohen ist, was meinen Sie, wer und wo sie ist? Es leben mehr als hundert Milliarden Menschen im Netz.«
Pater Duré lächelte. Es war ein sanftes Lächeln ohne Ironie. »Haben Sie daran gedacht, daß Sie selbst es sein könnten, M. Severn?«
Die Frage traf mich wie ein Schlag. »Das kann nicht sein«, sagte ich. »Ich bin nicht einmal ... ein vollwertiger Mensch. Mein Bewußtsein schwebt irgendwo in der Matrix des Core. Mein Körper wurde aus Resten der DNS von John Keats gezüchtet und wie der eines Androiden biofaktoriert. Erinnerungen wurden implantiert. Das Ende meines Lebens – meine ›Genesung‹ von der Schwindsucht – wurde auf einer eigens zu diesem Zweck geschaffenen Welt simuliert.«
Duré lächelte immer noch. »Und? Schließt etwas davon aus, daß sie der Wesenheit Empfindung sein könnten?«
»Ich fühle mich nicht wie der Teil eines Gottes«, sagte ich schneidend. »Ich kann mich an nichts erinnern, verstehe nichts und weiß nicht, was ich als nächstes tun soll.«
Monsignore Edouard berührte mich am Handgelenk. »Sind Sie so sicher, daß Christus immer gewußt hat, was er als nächstes tun sollte? Er wußte, was getan werden mußte. Das ist nicht immer dasselbe, wie zu wissen, was man tun soll.«
Ich rieb mir die Augen. »Ich weiß nicht einmal, was getan werden muß.«
Die Stimme des Monsignore war ruhig. »Ich glaube, Paul will damit sagen, wenn sich dieses Geistwesen hier in unserer Zeit versteckt, könnte es gut sein, daß es die eigene Identität nicht kennt.«
»Das ist verrückt«, sagte ich.
Duré nickte. »Viele Ereignisse um und auf Hyperion haben verrückt gewirkt. Der Wahnsinn scheint sich auszubreiten.«
Ich betrachtete den Jesuiten. »Sie wären ein guter Kandidat für die Gottheit«, sagte ich. »Sie haben ein Leben mit Gebeten, der Kontemplation von Theologie und als Archäologe zu Ehren der Wissenschaft gelebt. Außerdem sind Sie bereits gekreuzigt worden.«
Durés Lächeln war verschwunden. »Ist Ihnen klar, was Sie da sagen? Sehen Sie die Blasphemie in Ihren Worten? Ich bin kein Kandidat für das Gottsein, Severn. Ich habe meine Kirche verraten, meine Wissenschaft und jetzt durch mein Verschwinden meine Freunde auf der Pilgerfahrt. Christus mag seinen Glauben ein paar Sekunden verloren haben. Er hat ihn aber nicht auf dem Marktplatz für die Kelche Ego und Neugier verkauft.«
»Genug«, befahl Monsignore Edouard. »Wenn die Identität dieses Empfindungsteils einer zukünftigen geschaffenen Gottheit ein Geheimnis ist, denken Sie an die engste Truppe Ihres kleinen Passionsspiels, M. Severn. Die Präsidentin M. Gladstone, die die Last der Hegemonie auf den Schultern trägt. Die anderen Teilnehmer an
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